MARIENLEXIKON

Fahrenberg (Oberpfalz), Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung

Auf dem Fahrenberg (801 m über N.N.) bei Waldthurn (Lkr. Neustadt an der Waldnaab, Diözese Regensburg), unweit der tschechischen Grenze, steht die Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung, auf geschichtsträchtigem Boden – der Wallfahrtsort zählt zu den älteren Marienwallfahrtsorten Bayerns.
Im 12. Jh. stand auf dem Berg eine Burg, die zunächst den Edlen von Waldthurn, dann dem Templer-Orden gehört haben soll. Der Legende nach soll Anfang des 13. Jh.s ein Templer ein Marienbild aus dem Heiligen Land mitgebracht haben, für das eigens eine Kapelle bei der Burg errichtet wurde für die regionale Verehrung. 1204 gilt als das Gründungsdatum dieser Marienwallfahrt in der nordöstlichen Oberpfalz.
Nach 1308 errichtete das Zisterzienserkloster Waldsassen eine Propstei auf dem Fahrenberg zur Betreuung der Wallfahrt, die sie aber wegen der Übergriffe benachbarter Ritter bald wieder aufgeben mussten. 1344 verheerten Pest und Krieg die Region. 1352 wurden die Gebäude samt Kirche durch die Herren von Waldau und Waldthurn erworben, welche einen Konvent von Zisterzienserinnen ansiedelten. 1425/28 verwüsteten die Hussiten Kloster und Kirche – das Gnadenbild soll dabei in einen Brunnen geworfen, anschließend aber geborgen und in der unversehrt gebliebenen Kirche wieder aufgestellt worden sein. Erneut besiedelten die Zisterzienser von Waldsassen den Fahrenberg, bis 1524 Bauern das Kloster plünderten; ein lokales Salbuch vermerkt: Fahrenberg, eyn verbrannt Kloster, eyn verfallen Kirch. 1540 erwarb Willibald von Wirsberg den Berg, 1560 musste die Bevölkerung rund um den Fahrenberg zum lutherischen, später zum reformierten Glauben übertreten.
Die Geschichte des Klosters mit seiner spätmittelalterlichen Kirche endete 1524, doch die Verehrung der Gnadenfigur, welche in ihrem heutigen Bestand auf ca. 1485 datiert wird, brach nicht gänzlich ab, trotz der reformierten Herrschaft in der Oberpfalz. 1562 kam es zu einem brutalen Zwischenfall, bei dem drei Zisterzienser aus Waldsassen auf dem Fahrenberg erschlagen wurden. Der bis heute erhaltene Einschuss am Hals der Gnadenfigur könnte aus jener calvinistischen Zeit stammen.
Mit der für den protestantischen Landesherrn verlorenen Schlacht am Weißen Berg bei Prag (Nov. 1620) begann in Böhmen und der Oberpfalz die Gegenreformation. Schon 1621 predigten auf dem Fahrenberg die Jesuiten zu Wallfahrtstagen, in einer notdürftig hergerichteten Kapelle. 1628 übernahm die Ortspfarrei mit dem damaligen Sitz in Lennesrieth die Seelsorge auch auf dem Berg, aber die Kriegswirren behinderten das neuerliche Gedeihen der Wallfahrt, so dass es 1640 wiederum heißt, der Berg liege ödt und verbrannt. 1655 ließ der Ortspfarrer mit Unterstützung der katholischen Bevölkerung die alte Kapelle wiederherstellen, so dass erneut Prozessionen stattfinden konnten.
Das katholische Fürstengeschlecht Lobkowitz aus Böhmen erwarb 1656 Waldthurn samt dem Fahrenberg, wohin auch der Pfarrsitz wechselte. Während Fürst Wenzel Eusebius in Wien am Hof tätig war, residierte seine Frau Augusta Sophia in Neustadt (an der Waldnaab) und verwaltete die fürstlichen Besitzungen der Region. In Waldthurn ließ sie 1666 eine Sommerresidenz („Schloß“) errichten und förderte – obwohl Protestantin – die Wallfahrt. Auch eine spätere Fürstin von Lobkowitz, Gabriele (Frau von Ferdinand Philipp Joseph, Regentschaft 1734-1784), war häufig im Schloß von Waldthurn und unterstützte Wallfahrt und Kirchbau – aus diesen Jahrzehnten stammt der „Fahrenberger Schatz“ (silberne Votivpyramiden u. Talerbänder).
1706 wurde die zusätzliche, heute noch bestehende Dreifaltigkeitskapelle etwas unterhalb der Wallfahrtskapelle errichtet (darin ein Hochaltar mit Salvator-, Jakobus- und Jodok-Figur; das Altarblatt aus dem 19. Jh. zeigt eine trinitarische Marienkrönung). Die beiden Kapellen konnten im 18. Jahrhundert dem Anwachsen der Wallfahrt nicht mehr gerecht werden. Eine größere Wallfahrtskirche wurde 1762 nach mehrjähriger Bauzeit geweiht, aber schon 1775 durch Blitzschlag und Brand zerstört. Bereits 1778 war sie wiederaufgebaut, in spätbarockem Stil ausgestattet von den Waldthurner Künstlern Wenz Wickl und Wolfgang Kurzenwort; die Weihe fand 1779 statt. Diese Kirche besteht bis heute, eine eingewölbte Saalkirche (44 x 17 m im Grundriss, mit fünf Jochen im Schiff, zwei im vierkantigen, eingezogenen Chor) mit angegliedertem Turm (35 m hoch, bei 23 m Firsthöhe) und Sakristei; markant erscheint die Empore mit Einzug über dem Mittelgang. Auf dem Turm hatten 1804 die französischen Besatzungstruppen die Haube zugunsten einer Aussichtsplattform entfernt. 1885 wurden große Glocken im Turm aufgehängt; 1961 erfuhr er eine Erhöhung. Der Plan einer klösterlichen Wiederbesiedlung Mitte des 19. Jh.s scheiterte. Größere Innen- bzw. Außenrenovierungen fanden 1893, 1950-54, 1963-65, 1975 und 1990/91 statt, zuletzt die gründliche Gesamtrenovierung von 2012 bis 2016 mit archäologischen Grabungen. Nach der verspäteten Jubiläumsfeier 1818 gab es 1904 wieder eine Festwoche, ebenso 1954, 1979 und 2004.

Die Wallfahrt auf den Fahrenberg behielt ihre Bedeutung auch in den Wirren der Weltkriege des 20. Jh.s. Die Vertreibung der Deutschen aus dem nahen Eger- und Sudetenland sowie die Grenzabriegelung nach 1950 („Eiserner Vorhang“) gaben ihm eine wichtige Stellung für die Heimatvertriebenen. 1953 wurde die Kirche renoviert und konnte 1954 zum 750. Jubiläum wieder viele Wallfahrer empfangen; es wurde eine ganze Festwoche mit immerwährendem Gebet gehalten. Erzbischof Michael Buchberger förderte den grenznahen Wallfahrtsort; eine Pilgerhalle etwas unterhalb der Kirche (für 4000 Menschen, 1959 errichtet) trägt seinen Namen. Man betete für Frieden und Versöhnung, aber auch um die Überwindung des atheistischen Kommunismus. 1956 wurde ein neuer Rosenkranz-Weg eingerichtet, der von Waldthurn auf den Berg hinaufführt und mit drei offenen Kapellchen sowie zehn Bildstöcken die Geheimnisse des freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Rosenkranzes thematisiert; ein Reliefkreuz aus Granit sowie das Altarblatt in der abschließenden Dreifaltigkeitskapelle (Krönung Mariens, 15. Geheimnis) stellen ebenfalls Rosenkranz-Stationen dar.
Erzbischof Buchberger regte die Aufstellung einer Friedensmadonna an, die zusammen mit dem Rosenkranzweg am 13.10.1956 eingeweiht wurde, unter Beteilung von über 8000 Pilgern. Sie steht exponiert auf dem Ostgiebel des Kirchendaches – eine vergoldete Figur aus getriebenem Kupfer (3,50 m hoch, 400 kg schwer), geschaffen von Josef Gollwitzer aus Weiden (2001 restauriert). Ein großer Bergkristall bezeichnet das Herz der Madonna, die auf einer goldenen Kugel zu schweben scheint, die Arme segnend nach unten abgewinkelt, mit einem Sichelmond zu Füßen und einem Strahlenkranz um den Körper. Maria trägt eine Krone auf dem wallenden Haar und blickt nach Osten, über die einst geschlossene Grenze zu Tschechien; in der linken Hand hält sie einen Rosenkranz. Ihr streng-feierlicher Gestus wirkt hieratisch; über dem kunstvoll gefalteten, knöchellangen Leibgewand trägt sie einen Mantel, einem Pluviale ähnlich, mit dem Bergkristall als Schließe.
Auch Bischof Dr. Rudolf Graber unterstützte die Bittgänge und Prozessionen auf den Fahrenberg, besonders hinsichtlich der 1961 errichteten Berliner Mauer. Als er 1962 Bischof von Regensburg wurde, gab er das Motto aus: „Wir müssen die Mauer niederbeten!“ So konnte die „Königin des Friedens“ auf dem Fahrenberg den Fall der Mauer 1989 sowie die „sanfte Revolution“ im Nachbarland erleben.

Das heutige Gnadenbild in der Wallfahrtskirche besteht in einer gefassten Holzfigur von 103 cm Höhe, die die frühere, wahrscheinlich spätromanische Marienfigur abgelöst hat. Die prächtig bekleidete Strahlenkranz-Madonna befindet sich vor einem eigens abgestimmten Altarblatt im Hochaltar, das ein goldener Rokoko-Rahmen umgibt. Sie wird zu Füßen flankiert von geschnitzten Engeln, die auf das Lamm verweisen, das auf dem Offenbarungsbuch mit sieben Siegeln ruht; zwei geschnitzte Blumenkörbe flankieren das Lamm. Das Gnadenbild bildet die Mitte einer vertikalen Achse, ausgehend vom Tabernakel und Podest für die Monstranz, über das Lamm, zur Madonna mit Jesuskind und Gottvater sam Heilig-Geist-Taube auf dem Altarblatt. Auf weiten Seitenbögen stehen die Figuren der Eltern Joachim und Anna.
Die hölzerne und gefasste Marienfigur im donauländischen Stil der Spätgotik (1480/ 1490) trägt das Jesus-Kind auf dem rechten Arm, meist mit einem Velum textil bekleidet. Maria trägt eine goldene Krone; auch dem Jesuskind wurde eine Prachtkrone nachträglich aufgesetzt. Die linke Arm Mariens hängt zur Körpermitte hin herab, ihre Hand scheint – ohne Szepter – dezent das Gewand zu raffen. Der Blick der Gottesmutter geht in die Ferne. Unterhalb des Halses sieht man das markante Einschussloch (15. oder 16. Jh.). Das unbekleidete Jesuskind blickt gütig-interessiert über einen Apfel in seiner Linken hinweg zur Seite und erscheint durch dieses Attribut als Neuer Adam, der die Erbschuld aus dem Sündenfall aufhebt. Der Alte Adam wird im Spätmittelalter gerne durch den Halbmond mit Gesicht symbolisiert, wie er sich auch bei der Fahrenberger Madonna zu Füßen findet, als Spezifizierung der Attribute aus Offb 12,1 (Apokalyptische Frau). So kann auch die Darstellung auf Maria als neue Eva hingedeutet werden. Zusätzlich erscheint auch das Motiv „Braut des Heiligen Geistes“, da der Maler des Altarblattes hinter der Figur direkt über dem Haupt Mariens die Heilig-Geist-Taube platziert hat, von deren Schnabel feine Strahlen auf die Jungfrau herableuchten. Schließlich thront auf dem Altarblatt über allem majestätisch-gelassen der himmlische Vater.

Der spätbarocke Hochaltar von Wenz Wickl und Wolfgang Kurzenwort (1796) ist prächtig gestaltet als dreistöckiger Baldachinaufbau; im Altarblatt von Franz Schmidt (Nabburg) sieht man flankierende Engel und oben den Allherrscher Gottvater mit Heilig-Geist-Taube. Im Auszug des Altars findet sich nochmals ein Ölgemälde des Spätbarocks, das eine Himmelfahrt Mariens zeigt und evtl. von Thaddäus Rabusky stammt, dem auch die Altarblätter der Seitenaltäre (1842) zugeschrieben werden, die einen „Heiligen Wandel“ (Familie Jesu) und „Mariä Heimsuchung“ (Patrozinium) zeigen; darüber ein Verkündigungs-Gemälde. Nach der Erneuerung des Gewölbes schufen 1963/65 Ludwig Vogl (Kirchenmaler aus Regensburg) und Walter Scheidemandel (Stuckateur aus Nabburg) an dessen Langhausseiten 18 stuckgefasste Medaillons im Grisaille-Stil in Rot, Blau und Gelbbraun, mit Symbolen aus der Lauretanischen Litanei, ergänzt um eigene Motive wie „Du Anker des Lebens“ oder „Du Schönheit der Berge“ („Fahrenberger Marienlitanei“). Ein Deckengemälde im Chor zeigt in ebenso blassen Farben eine Aufnahme Mariens in den Himmel. Die Kanzel mit kleiner Michaelsfigur ist im Rokoko-Stil geschaffen, ebenso wie die Kirchenbänke und Beichtstühle. Am Fuße eines großen Kruzifixes an der linken Chorwand steht eine Mater dolorosa mit Schwert in der Brust – gefasste Holzfiguren in verhalten barockem Stil (19. Jh.).
An der nordwestlichen Ecke des Kirchenraums findet sich eine aufwändige, kolorierte Holzrelief-Darstellung (ca. 80 x 120 cm) mit der Verehrung Jesu in Bethlehem. Das Jesuskind in der Krippe wird umringt von einer Schar kindlicher Engel, links und rechts gerahmt von der knienden Maria und dem stehend betenden Josef. Die Krippe wird in der Mitte eines gemauerten, aber aufgebrochenen Torbogens gezeigt, über dem ein kleiner Stern vor tiefblauem Himmel prangt, während das Jesuskind mit einem halbrunden Goldnimbus mit einem Rand aus kleinen Sonnenstrahlen das Zentrum darstellt; kräftige Eichen flankieren die Szene. Diese bemerkenswerte Schnitzarbeit mit großer Tiefenwirkung, in historistischem Stil wurde um 1950 von Johann Rösch (Weiden) geschaffen und stellt ein eindrucksvolles Andachtsbild der Menschwerdung Gottes dar.

Der Wallfahrtsbetrieb hat zwar nachgelassen, besitzt aber immer noch nennenswerten Umfang; derzeit gibt es an allen Sonn- und Feiertagen (Mai bis November) eine Heilige Messe mit vorherigem Rosenkranz. Am 22. April 2023 fand eine diözesane Sternwallfahrt mit Bischof Rudolf Voderholzer für den Frieden besonders in der Ukraine statt, mit über 800 Teilnehmern.

Literatur:

Mathias Lintl, Jubiläum in der marianischen Wallfahrtskirche auf dem Fahrenberg bey Waldthurn, im königl. Landgerichte Vohenstrauß, 1818; Kalender für kath. Christen 1856, S. 102-113; „Der Fahrenberg und seine Wallfahrtskirche, ein Vergißmeinnicht für den frommgläubigen Wallfahrer, 1884; Urban Ettl, Auf nach Fahrenberg! Wallfahrtsbüchlein zur Verehrung der heiligen Gnadenmutter von Fahrenberg zum Gebrauche für Prozessionen, sowie für einzelne Pilger, 1904; Hans May, Der Fahrenberg. Ein Natur-, Wirtschafts- und Geschichtsbild aus dem Böhmerwalde, München 1904; KDB 2/8, S. 80-83; Kriss II 252; Johann Götz, Wallfahrtskirche Fahrenberg Oberpf. (Kirchenführer Schnell&Steiner Nr. 603), Waldsassen 1954 (2. Auflage 1960, überarbeitet von Gustav Motyka); G.-R. Schroubek, Wallfahrt und Heimatverlust, 1968; Franz Bergler, Votiv- und Weihegaben der Fahrenberger Wallfahrt (Sonderdruck „Oberpfälzer Heimat“, Bd. 20; 16 S.), Weiden 1976; Joseph Greil, Wallfahrtskirche Fahrenberg, Ottobeuren 1977 (Kirchenführer Oefele-Verlag, 2. Aufl. 1986); Hans J. Utz, Wallfahrten im Bistum Regensburg, München 1981, S. 112-114 (neubearbeitet von Karl Tyroller, 1989, S. 130); J. B. Lehner / W. Hartinger, Artikel „Fahrenberg“, in: Marienlexikon, Bd. 2 (1989), S. 438; G. Dehio, HDK V,362 f. (Berlin 1991); Franz Bergler, 800 Jahre Fahrenberger Wallfahrt (Jubiläumsausstellung und Festwoche), 2004; Georg Schmidbauer, Der Fahrenberg. Der „heilige Berg der Oberpfalz“. Geschichte und Geschichten, Pressath 2011; ders., Kirchenführer, 2010; Helmut Gollwitzer, Der Fahrenberger Rosenkranzweg. Mit Gebetstexten von Pfarrer Joseph Greil, Oberviechtach o. J. (nach 2013); Werner Chrobak, Die Wallfahrten Fahrenberg und Wieskirche Moosbach, in: Zeitschrift „Die Oberpfalz“ (2004), hg. vom Oberpfälzer Kulturbund, Kallmünz, S. 119-129 (PDF: /oberpfaelzerkulturbund.de/wp-content/uploads/2016/07/FS35_S119_129b.

Im Internet: https://de.wikipedia.org/wiki/Fahrenberg_(Waldthurn)
https://pfarrei-waldthurn.de/kirchenfuehrer/73-fahrenberg
Autor: Achim Dittrich (20.5.2023).