MARIENLEXIKON

Dechbetten

Dechbetten (Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt, Regensburg)

Der kleine Ort in der westlichen Peripherie von Regensburg, nahe dem Kloster Prüfening, war schon im 9. Jh. namentlich besiedelt und gehörte die längste Zeit als Pfarrdorf zur Reichsabtei St. Emmeram in Regensburg. Ab 1607 wirkten Konventualen von St. Emmeram als Pfarrvikare an der Dechbettener Kirche, die bis 1816 als Pfarrkirche für die umliegenden Ortschaften fungierte. 1938 wurde der Ort eingemeindet, heute gehört die Kirche als Filiale zur Stadtpfarrei St. Bonifaz. Das Gebäude hatte im Zweiten Weltkrieg Beschädigungen erlitten und wurde nach provisorischen Reparaturen erst 1974 gründlich saniert; eine neuerliche Sanierung steht aus.
Vor dem Hintergrund des „immerwährenden Reichtags“ im nahen Regensburg (1663-1806) wurde die Kirche und ihr Gnadenbild im 17. Jahrhundert zum bekannten Wallfahrtsziel. Schon Ferdinand III. kam am 22. Dezember 1636, dem Tag seiner Wahl zum deutschen König, hierher gepilgert, der nachmalige Kaiser (1637-1657). Die blühende Wallfahrt ermöglichte es 1722 Abt Wolfgang Mohr (1719-1725), auf den Fundamenten der vorherigen Wallfahrtskirche ein spätbarockes Gebäude (Saalkirche mit Tonnengewölbe und eingezogenem Chor) errichten zu lassen, das sein Nachfolger Anselm Godin (1726-1742) mit einem ansprechenden Westportal samt Marien- und Heiligenfiguren vollendete; die Weihe erfolgte am 13.8.1726.
Seit dem späten 16. Jahrhundert wurde in der Kirche „Mariä Himmelfahrt“ von Dechbetten eine spätgotische Gottesmutter als Gnadenbild verehrt: Eine stehende Figur (ca. 150 cm hoch), farbig gefasst, mit stark gefaltetem, vergoldetem Mantel (untere Hälfte), relativ glattem, silbernem Untergewand; das unbekleidete Jesuskind auf dem rechten Arm haltend, welches mit seiner rechten Hand einen Granatapfel hält, mit der linken aber an einen kleinen Reichsapfel fasst, den Maria in ihrer Linken zusammen mit dem Zepter hält; das Ende ihres Mantels hängt über dem linken Arm. Maria neigt den Kopf nach rechts zum Jesuskind, beide Häupter sind prächtig bekrönt, das Marienhaupt mit einer kräftig goldenen Strahlenaureole hinterlegt, in die zwölf Sterne integriert sind. Der Sichelmond zu Füßen der Gottesmutter weist ein Gesicht auf und dürfte zur originären Figur aus der Spätgotik gehören; das ernste Gesicht könnte für Adam stehen, zu Füßen der Neuen Eva.
Die Marienfigur erfuhr mehrere Überarbeitungen (zuletzt 1906). Die Gestik des Jesuskindes zeigt seinen doppelten Bezug zur aufopferungsvollen Liebe (aufgeschnittener Granatapfel) einerseits, zur vom Vater verliehenen Herrschaft andererseits, dargestellt durch Reichsapfel und Zepter. Karl Bauer vermutet: „Ein Meister von ausgesprochen bairischer Mentalität, wahrscheinlich Hans Paur aus Eichstätt, schuf um 1505 diese Madonna aus Lindenholz“ (S. 640). Ein Stich von 1769 zeigt das Gnadenbild in prächtigem Brokatgewand. Die prachtvollen Kronen der Gottesmutter und des Jesuskindes sind ein Geschenk der Kaiserin Maria (1631 -1647), der Gattin von Ferdinand III.; das kaiserliche Ehepaar besuchte mehrfach Dechbetten. Aufgrund einer Stiftung wurde bis 1817 jeden Tag in der Wallfahrtskirche eine „Kaisermesse“ gelesen.
Die bereits 1659 renovierte Marienfigur wurde in den bemerkenswerten Hochaltar integriert, der im Auszug oberhalb von bewegtem Akanthus-Dekor Gottvater mit einer großen, goldenen Weltkugel zeigt. Das späte Rokoko-Werk wurde 1765 von Simon Sorg entworfen, dem bedeutenden Regensburger Bildhauer (1719-1792), der es mit dem Schreinermeister Carl Heinrich aus Stadtamhof 1767 ausführte und in der Wallfahrtskirche aufbaute; die Fassung besorgte 1775 der Fassmaler Johann Caspar Zellner. Sorg und Heinrich errichteten 1782/83 den Hochaltar in der Stiftskirche „Zur Alten Kapelle“ in Regensburg; 1751/52 hatte Sorg bereits den Hochaltar der Klosterkirche Heilig Kreuz in Regensburg geschaffen.
Den opulenten Rahmen des Hochaltars in Dechbetten bildet ein klassischer Aufbau von Säulen und Architrav-Elementen: Vier versetzte Säulen mit vergoldetem Kompositkapitell flankieren die schlichte, hellblau gefasste Innenfläche, vor der das Gnadenbild mit Engeln arrangiert ist. Je drei Putten sind links und rechts der Madonna angeordnet und halten vier Textbänder: „O Mutter der schönen Liebe – der Erkenntnis – und der hl. Hoffnung – bitte für uns!“ sowie die Symbole Kreuz (Glaube) und Anker (Hoffnung). Zu Füßen der Gottesmutter befinden sich silberne Wolken, aus denen vereinzelt Puttenköpfe herausblicken. Sorg hat für eine qualitätvolle Madonna einen ebenso meisterhaften Hochaltar geschaffen, mit tiefsinnigem theologischem Programm: Gottvater über allem, Maria als himmlische Mutter des wahren Erlösers, dessen Gnadenherrschaft sich im Dreiklang von Liebe, Hoffnung und Glauben vollzieht. Seit dem 17. Jahrhundert haben Tausende vor diesem Gnadenbild gebetet: Ein Kaiser mit seiner Frau, Fürstäbte und Bischöfe, hohe Reichsministeriale und Diplomaten, Benediktiner, Kongregationsmitglieder, Laien – Gläubige aller Stände.

Der Dechbettener Friedhof war in der Barockzeit und darüberhinaus eine beliebte Grabstätte, wie die bis 1980 vorhandenen Grabsteine bezeugten. Die Friedhofsmauer am Kirchplatz (Neyweg) stammt aus dem Jahr 1628 und weist ein Renaissance-Portal auf, mit einer kleinen Nischenmadonna. Am Kirchplatz steht eine Steinsäule mit Kompositkapitell, die eine kolorierte Gottesmutterfigur mit Kind (Patrona Bavariae) trägt, errichtet 1708 von der Marianischen Kongregation „Mariä Verkündigung“ (Regensburg, 1592), die sie bis heute als Zielpunkt einer jährlichen Fußwallfahrt am Ostermontag nutzt, die bereits seit 1602 stattfindet. Die Säule samt Figur wurde 1985 und 2000 saniert und gilt als städtisches Eigentum.
Insgesamt stellt Dechbetten mit seiner Wallfahrtskirche einen historisch herausragenden Marienwallfahrtsort des Barockzeitalters dar, der zum 300. Jubiläum der Weihe der heutigen Kirche 2026 hoffentlich entsprechend gewürdigt wird.

Literatur: Die Kunstdenkmäler von Bayern, Oberpfalz XX, Bezirksamt Stadtamhof 34, München 1914; Hans Schlemmer, Der Hochaltar der Wallfahrtskirche Dechbetten, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 116 (1976), S. 217-222; Günter Lorenz, St. Georg in Regensburg-Prüfening, Mariä Himmelfahrt in Dechbetten, St. Anna in Großprüfening, St. Bonifaz in Prüfening (Kirchenführer: Große Baudenkmäler, 369), München 1986 (DKV), S. 18-22; Beitrag „Mariä Himmelfahrt (Dechbetten)“ bei Wikipedia (Zugriff: 18.1.2023); Karl Bauer, Regensburg, Regenstauf 2014, S. 637-644, speziell S. 640 f.; A. Dittrich, Dechbetten, in: J. Kreiml u.a. (Hg.), Die Schönste von Allen. Hausmadonnen u. Mariendarstellungen in den Straßen von Regensburg, Regensburg 2022, S. 177 ff. Bilder: www.st-bonifaz-regensburg.de („Kirchen in der Pfarrei“, Zugriff 18.1.2023). Autor: Achim Dittrich (19.01.2023)