Birgitten-Orden OSsS
Artikel im Marienlexikon, Bd. 1 (1988), S. 493 (mit Ergänzungen, 2026), von M. M. Gramsamer / T. Lundén / G. Wentzel
Birgittenorden (Erlöserorden, Ordo Sanctissimi Salvatoris, OSSalv), der von der hl. -> Birgitta gegründete Orden des heiligsten Erlösers (nach der Augustinerregel und den Statuten der hl. Birgitta), 1370 von Urban V., die Ordensstatuten 1379 von Urban VI., 1419 von Martin V. erneut bestätigt. Das Kloster zu Vadstena/Schweden (erbaut 1368—1445) ist die Wiege des bis zur Reformation (bzw. Säkularisation) mit etwa 70 Klöstern in fast allen Ländern Europas blühenden Ordens; es wird in den Revelationen der hl. Gründerin (I, c. 10) von Christus »Monaste- rium Matris meae« genannt.
Die ursprüngliche Regel sah -> Doppelklöster für Männer und Frauen vor mit je 85 Religiösen (13 Apostel [einschließlich Paulus] und 72 Jünger = 13 Priester, 60 Nonnen, 4 Diakone, 8 Laienbrüder). Die Äbtissin wurde von beiden Konventen und dem Diözesanbischof gewählt. Sie galt als Stellvertreterin (¥)s und war Vorsteherin des ganzen Klosters; auch der Generalkonfessor, der Vorsteher der Mönche, war ihr unterstellt. Die Klosterkirche war für die Nonnen, Mönche und das Volk gemeinsam. Den Kirchenbau hat Birgitta genau festgelegt und die einzelnen Bauteile symbolisch gedeutet (Rev. extravagantes 28; Rev. I, c.18): die Altäre versinnbildlichen FD, Johannes d. T., St. Michael und die Apostel. Der Marienaltar für die Nonnen befand sich auf quadratischem Podium im Ostchor. Der eigentliche Schwesternchor aber lag, nur von der Klausur aus erreichbar durch einen Laufsteg, im Mittelschiff auf einem Einbau; von dort aus konnten die Nonnen sowohl die Messe am Hochaltar im Westen, wie auch am Marienaltar im Osten mitfeiern, ohne von den Mönchen oder Laien gesehen zu werden (Rekonstruktion von Vadstena: B. Berthelsson, In: Tidskrift för konstvetenskap 13 [1929] 91 ff.). Im westl. Chor beteten die Mönche das Offizium der betreffenden Diözese, im Ostchor verrichteten die Nonnen ihr bes. Marienoffizium. In diesem Offizium, das heute noch persolviert wird, hat jeder Tag der Woche einen eigenen Text (sog. Wochenoffizium). Die Hymnen, Antiphonen u. Responsorien sind von Petrus Olovsson, dem Beichtvater u. Sekretär der hl. Birgitta selbst (zw. 1350 u. 1360). Die drei Lesungen des Sonntags stellen den Betenden die GM vor ihrer Geburt im Vorauswissen des Schöpfers vor Augen als die vollkommenste Schöpfung; die des Montags zeigen die Liebe der Engel zu Maria, die wegen ihres Tugendreichtums als eine Einheit der besten Eigenschaften der Schöpfung bezeichnet wird: durch ihre Tugenden verherrlicht Maria Gott mehr als irgendein Engel oder Mensch; die des Dienstags beschreiben die Freude der Patriarchen u. Propheten über die zukünftige Geburt Mariens; die des Mittwochs schildern die Ehe der Eltern Mariens, die Empfängnis, die Geburt und die Kindheit Mariens (die UE wird hier nicht berührt); die Lesungen des Donnerstags geben die fromme Jugend Mariens u. die Menschwerdung Christi wieder; die des Freitags betrachten die Sorge Marias über das Leiden Christi; die des Samstags stellen Marias Leben nach der Himmelfahrt Christi, ihren Tod, den Eintritt ihrer Seele in die himml. Seligkeit unmittelbar nach ihrem Tode und die Aufnahme ihres Körpers wenige Tage nach ihrem Hingang dar. Die 21 Lesungen werden mit dem gemeinsamen Namen »Sermo angelicus« bezeichnet, weil ein Engel sie der hl. Birgitta diktiert haben soll (lat. Urtext im Anhang der gedruckten Ausgaben der Revelationes).
Der Birgittenorden war ein Kulturträger ersten Ranges, besonders für den Norden. Heute bestehen noch vier Klöster der alten Observanz, allerdings nicht mehr als Doppelklöster, sondern als beschauliche Frauenkonvente: Syon Abbey (South-Brent, Devon/England), gegründet 1415; Maria Réfugié (Oden/Holland), gegründet 1434; Altomünster (Oberbayern), gegründet 1497 <2017 aufgelöst>; Maria-Herz (Weert, Limburg/Holland), gegründet 1843. Im 17. Jh. wurde durch die Ehrwürdige Marina v. Escobar zu Valladolid/Spanien die Kongregation der Rekollekten als Zweig des B. gegründet; sie zählt in Spanien und Mexiko noch sechs Konvente.
Am 8.9.1911 legte die schwedische Konvertitin M. Elisabeth -> Hesselblad (+ 1957) den Grund zum neuen sozial-caritativen u. missionarischen Zweig des B. mit Niederlassungen in Schweden, Italien, der Schweiz, den USA u. in Indien. Ordenszweck: Gebet u. Opfer für die Ausbreitung der kath. Kirche im hohen Norden, vorzüglich in Schweden; in neuerer Zeit Opfer u. Sühne für das eigene Vaterland und vor allem für die Jugend.
Das Erbe der hl. Stifterin ist eine innige marian. Frömmigkeit. Alle Marienfeste sind durch ein Vigilfasten ausgezeichnet. Am Samstag wird vor der Terz das Salve Regina gesungen. Auf die Stifterin geht der ordenseigene Rosenkranz (Birgittenrosenkranz; -> Rosenkranz) zurück.
Ergänzung (R. Grulich, 2009): 2017 wurde das B.-Kloster in Altomünster (Bayern) aufgelöst, zuvor war 2003 in Bremen ein B.-Kloster durch einen Seitenzweig des Ordens gegründet worden.
Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1990 ist der Birgittenorden auch in Estland wieder vertreten. Hier befand sich 150 Jahre lang bei Tallinn das zweitgrößte Kloster des Ordens. Um 1400 gegründet, verblieb es in der Reformation bei der kath. Kirche, bis es im Livländischen Krieg vor 450 Jahren zerstört wurde. Der Stadtteil Pirita, in dem sich die Ruinen des Klosters befinden, ist nach der heiligen Birgitta benannt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kamen wieder Birgitten aus Schweden nach Estland. Sie hatten zunächst in der Altstadt von Tallinn ein kl. Haus, dann bauten sie neben der Ruine in Pirita ein neues Kloster mit einem Gästehaus.
Literatur: G. Binder, Die hl. Birgitta von Schweden u. ihr Klosterorden, München 1891. — A. Lindbloom, Die Kunst der Birgittiner (Congrès internationale d’histoire de l’art), 1933. — Heimbucher 1620-25. — L. Stütz, St. Birgitta v. Schweden, 1936. — Campana C I 524, 396, 690; II 169f. — B. Berthelson, Studie i birgittinordens byggnads historia, 1946/47. — M. D. Redpath, God’s Ambassadress St. Bridget of Sweden, 1947. — J. M. Rottier, Birgittijns Kloosterleven, 1948. — Manoir IV 411 ff. — B. Opfermann, Das marian. Eigenbrevier der Birgittinnen, In: EL 71 (1957) 187-190. – DIP I 1578-1593 – 3LThK II (1994) 479 f. – 4RGG I (1998) 1610 f. – Tore Nyberg, Die Birgitten (Ordo Sancti Salvatoris), in: Fr. Jürgensmeier u. a. (Hgg.), Orden u. Klöster im Zeitalter von Reformation u. kath. Reform, 1500-1700, Bd. 1, Münster 2005, S. 173–198.
Links:
https://www.birgitten-kloster.de (Bremen)
https://de.wikipedia.org/wiki/Erlöserorden
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Klöstern_des_Erlöserordens
https://www.kirche-in-not.de/wp-content/uploads/2021/02/2009-rudolf-grulich-ueber-die-heilige-birgitta.pdf
https://www.brigidine.org (Ordine del SS. Salvatore di Santa Brigida, Rom)
https://de.wikipedia.org/wiki/Societas_Sanctae_Birgittae
https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Birgitten (Tore Nyberg)
