MARIENLEXIKON

Seramis (typologische Frauengestalt)

Semiramis, von Genoveva Nitz (Nov. 2023; Erweiterung ihres Artikels im Marienlexikon VI, 1994)

Nach dem -> Jakobusevangelium ließen Anna u. Joachim in Erfüllung eines Dankgelübdes für die Aufhebung langjähriger Sterilität ihre dreijährige Tochter Maria zum Dienst im Tempel des Herrn weihen. Wie andere Kindheitsapokryphen ging diese Erzählung in das -> Speculum humanae salvationis ein; dem typolog. Schema des Speculum entsprechend, wurden ihr drei vorchristl. Präfigurationen zugeordnet. Die ersten zwei betreffen den Akt der Opferung: 1. Wie ein aus dem Meer gezogener goldener Tisch in den Tempel der Sonne gebracht wurde (Erzählung aus: Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia IV 1,7), so wurde Maria Gott, der wahren Sonne, dargebracht. 2. Auch Jiftach hatte seine einzige Tochter in Erfüllung eines Gelübdes geopfert (Ri 11,30-40); sein Opfer blieb aber unvollkommen, weil es letztlich unfreiwillig ausgeführt wurde – das Opfer Joachims u. Annas geschah dagegen in voller Freiheit.
Das dritte typolog. Beispiel bezieht sich auf das kontemplative Leben der jungen Maria im Tempel. Wie die Königin von Persien von der Höhe der hängenden Gärten nach ihrer fernen Heimat blickte, so bewahrte Maria immer ihre himml. Heimat vor Augen. Illustrationen dazu finden sich in Handschriften u. Druckfassungen des Speculum sowie im Brixener Freskenzyklus (6. Arkade im Dom-Kreuzgang), wo aus Kap. 3.-5. Geburt u. Tempelgang Mariens dargestellt sind; sowie auf dem Wandteppich von Wienhausen (15. Jh., Zisterzienserinnenkloster).
Der Speculum-Text nennt nicht den Namen der Königsgemahlin. O. Holl erkennt darin einen „ätiologischen Reflex“ des Motivs der Hängenden Gärten als Grund für spätere Vorstellungen der anonymen Königin im Speculum als identisch mit der oriental. Königin Semiramis (LCI IV 149). Die Sage, welche Semiramis mit den Hängenden Gärten von Babylon assoziiert, einem der Sieben Wunder der Alten Welt, wurde schon in der Antike angefochten: Diodorus Siculus (Mitte des 1. Jh. v. Chr.) lobt zwar ihre vielen Baumaßnahmen, spricht aber ihren Anteil an den Hängenden Gärten ab u. schreibt in seinem Asien-Bericht deren Erschaffung einem späteren König von Babylon für seine Geliebte zu (Historien II, 10). Flavius Josephus (*37/38-ca.100) zitiert einen älteren Bericht (um 290 v. Chr.) des chaldäischen Historikers Berossus, und nennt Nabuchodonosor (Nebuchadnezzar) II. als Erbauer der Gärten (Jüd. Altertümer, X 11). Im MA übernimmt Petrus Comestor (ca. 1100-1178) in seiner Historia scholastica (Kap. V: Kommentar zu Daniel) die Erzählung des Josephus fast unverändert: Der König „superplantavit arbores, et hortum, qui suspensilis dicebatur, eo quod uxor eius, qui in finibus Mediae nutrita fuerat, regionem suam a longe videre desideraret“ (PL 198, 1453). Auch bei Petrus Comestor wird der Name der Königin nicht genannt. Dieser Geschichte entsprechend, findet die Erzählung Aufnahme in die Typologie des Speculum humanae salvationis (s. Henry, 61, 233).
Um die Königin Semiramis rankt sich eine reiche, auch widersprüchliche Überlieferung von Legenden, deren Hauptkern ihre militär. Erfolge zusammen mit ihrem Gemahl (Sohn?) Ninos, ihre rege Bautätigkeit u. ihr ausschweifendes Leben thematisiert. Dante (Div. Commedia, Inferno V) sieht sie unter den Wollüstigen im 2. Kreis der Hölle; sie sei der Unzucht so ergeben, dass sie gesetzl. Bestimmungen einbrachte, um ihre Triebe zu legitimieren. Boccaccio (De mulieribus claris, ca. 1360-1375)) wiegt ihre Tapferkeit u. kriegerische Fähigkeiten gegen ihre Lasterhaftigkeit auf und kommt auch zu einer Negativbeurteilung. In -> Christine de Pizans „Le Livre de la Cité des Dames“ (1405) wird sie zur Heldin stilisiert, würdig, einen Grundstein der utopischen Idealstadt zu bilden. Sittl. Verfehlungen in ihrer Lebensart versucht Christine dadurch zu erklären, dass sie in einer Zeit ohne geschriebenes Gesetz gelebt habe. Semiramis habe beinahe den ganzen Orient unter ihre Herrschaft gebracht; sie verstärkte die Befestigungsanlagen von Babylon durch Wehrbauten und ließ ringsherum tiefe Gräben ausheben. Von „Hängenden Gärten“ wird dabei nichts erzählt. Christine wiederholt die altbekannte Anekdote vom plötzlichen Aufbruch der Semiramis zu einer Strafexpedition, ohne abzuwarten, dass ihre Haare gekämmt würden – ein Motiv, das in der Kunst dargestellt wurde: Sie erscheint, mit langen fließenden Haaren, als eine der überlebensgroßen Figuren der Neun Heldinnen im höf. Freskenzyklus, zwischen 1411-1440, im Castello della Manta in Piemont; ein Gemälde von Guercino (Giovanni Fr. Barbieri) zeigt Semiramis beim Empfang der Nachricht eines Aufstands (1624, Boston, Museum of Fine Arts).

Literatur: LCI IV 149 (O. Holl). – W. Eilers, Semiramis. Entstehung u. Nachhall einer altorient. Sage, 1971. — Heilsspiegel. Die Bilder des ma. Erbauungsbuches …, hg. v. H. Appuhn, 1981, 106 f. – A. Henry (Hg.), The Mirour of Mans Salvacioune, 1986. – M. Zimmermann (Hg.), Christine de Pizan, Das Buch von der Stadt der Frauen, ²/1990. – G. Nitz, Seramis, in: Marienlexikon VI, 130 (1994). – I. Sedlacek, Die Neuf Preuses. Heldinnen des Spätmittelalters, 1997. – K. Brodersen, Die Sieben Weltwunder: Legendäre Kunst- u. Bauwerke der Antike, 2004. – M. Krenn (Hg.), Heilsspiegel. Speculum humanae salvationis, 2006. – S. M. Dalley, The mystery of the Hanging Gardens of Babylon: An elusive world wonder traced, 2013. – Annette Simonis, Semiramis, In: Möllendorff u.a. (Hg.), Histor. Gestalten der Antike (Der Neue Pauly, Suppl. 8), Stuttgart/Weimar 2013, 879-892. – J. Stronk, Semiramis’ Legacy. The History of Persia according to Diodorus of Sicily, 2017. – K. Dross-Krüpe, Semiramis, de qua innumerabilia narrantur. Rezeption… der Königin von Babylon, 2020.

Links: Wikipedia-Artikel – https://de.wikipedia.org/wiki/Semiramis