MARIENLEXIKON

Michelangelo Buonarroti

Artikel aus dem Marienlexikon, Bd. IV (1992), S. 446-448 von L. Altmann (Ergänzungen von A. Dittrich)

Michelangelo Buonarroti, eigentlich Michelagniolo di Lodovico (di Lionardo) Buonarroto Simoni, ital. Bildhauer, Maler, Architekt und Dichter, * 6.3.1475 in Caprese/Toskana, + 18.2. 1564 in Rom, Vollender der Hochrenaissance sowie vielseitiger Wegbereiter des Manierismus u. Barock.
1488 kommt Michelangelo bei D. Ghirlandaio in Florenz in die Lehre, der gerade die Chorkapelle von S. Maria Novella ausmalt. Bald stößt er zum Kreis von Künstlern u. Gelehrten am Hofe Lorenzo de Medicis, wird von der neuplatonischen Philos. berührt und schult sich unter Bertoldo di Giovanni, einem Schüler Donatellos, als Bildhauer an antiken Skulpturen, aber auch an den Florentiner Werken Giottos u. Masaccios (Marmorreliefs: »Madonna an der Treppe«, »Kentaurenschlacht«); im Streit zertrümmert ihm sein Mitschüler P. Torrigiani das Nasenbein — Zeichen des Kollegenneides und der Eifersucht, denen das Genie M. zeitlebens ausgesetzt sein wird. Er studiert die menschl. Anatomie durch Leichensektion und wird durch die Morallehre Savonarolas beeinflusst (Holzkruzifix für S. Spirito). 1494 zieht er wegen des drohenden Sturzes der Medici nach Venedig und Bologna, wo er die Figuralplastik J. della Quercias kennenlernt und an der Area di S. Domenico mitarbeitet. Nach einem Zwischenaufenthalt in Florenz reist Michelangelo 1496 nach Rom und erhält dort den Auftrag zu einer -> Pieta im Petersdom, Michelangelos erstem spektakulären Werk, einer Synthese von Antike u. MA; ebenso entsteht die Marmorstatue des Bacchus (Bargello, Florenz). 1501-05 ist er wieder in Florenz und fertigt u.a. die streng frontal komponierte Brügger Madonna, den antikischen David als Symbol der Wachsamkeit u. Verteidigungsbereitschaft vor dem Palazzo Vecchio (Original heute in der Accademia in Florenz) sowie Rundmedaillons der GM (Tondo Pitti u. Taddei in Marmor, das kühlfarbige Tondo Doni in Tempera auf Holz).
1505 beauftragt ihn Papst Julius II. mit der Gestaltung seines Grabmals, des gewaltigsten Papstmonuments, das je geplant wurde; anstelle des ursprünglich projektierten figurenreichen Freimonuments gelangen jedoch innerhalb von 40 Jahren nur das um die Sitzfigur des Moses gruppierte Wand-Epitaph in S. Pietro in Vincoli in Rom, Vittoria und einige Sklaven (Florenz, Palazzo Vecchio, Accademia u. Casa Buonarroti, bzw. Paris, Louvre) zur Ausführung.
1508-1512 freskiert Michelangelo nahezu alleine und unter starker körperlicher wie seelischer Belastung das Gewölbe der Sixtinischen Kapelle im Vatikan: in neun querrechteckigen Scheitelfeldern Bilder aus der Genesis von der Scheidung von Licht u. Finsternis bis zu Noahs Schande (= Weltgeschichte »ante legem«), begleitet u. a. von Propheten, Sibyllen, Vorfahren Christi sowie atl. Szenen und zusammengehalten durch ein System quadratesker Scheinarchitektur; die Malerei, zu der sich — wie bei den meisten anderen seiner Projekten — zahlreiche Einzelstudien des Künstlers erhalten haben, wirkt durch die Plastizität u. Geschlossenheit der Figuren wie farbig gefasste Skulptur.
1516 wird Michelangelo mit der Planung der Fassade von S. Lorenzo in Florenz betraut. Ab 1519 entsteht die Marmorstatue Christi mit dem Kreuz (= Neuer Adam) für S. Maria sopra Minerva in Rom. 1520 beginnt er mit den Arbeiten an den die Auferstehung des Leibes verkörpernden Medici-Grabmälern in der von ihm gestalteten Neuen Sakristei an S. Lorenzo in Florenz (zugehörig die manieristisch in sich gedrehte Marmorskulptur der Medici-Madonna), daneben 1523 mit der Biblioteca Laurenziana, deren Vorraum im besonderen Maße durch die Anlage der Treppe und die ungewöhnliche Wandbehandlung ein Schlüsselwerk des Manierismus ist. 1529 leitet M. die Fortifikationsbauten der Republik Florenz. 1534 übersiedelt er nach Rom. Bis 1541 arbeitet er am Fresko »Jüngstes Gericht« an der Altarwand der Sixtinischen Kapelle, das den Dies irae in einer gewaltigen Komposition u. in neuer Körperlichkeit vor Augen führt; gleichzeitig beginnt er die Neugestaltung des Kapitolplatzes (Aufstellung des Reiterstandbildes Marc Aurels 1538) und die Brutus-Büste (in Anlehnung an röm. Porträts). Anschließend bis 1550 malt er in der Cappella Paolina im Vatikan die Bekehrung Pauli und die Kreuzigung Petri.
1547 übernimmt Michelangelo die Bauleitung von S. Peter: auf ihn geht die Gestaltung des Kuppelbaus als zukunftsweisende dynamische Großarchitektur zurück. Außerdem entwirft er Pläne u.a. für den Palazzo Farnese, die Porta Pia und die Kirchen S. Giovanni dei Fiorentini sowie S. Maria degli Angeli in Rom.
Seit etwa 1537 ist M. freundschaftlich mit der Dichterin Vittoria Colonna (t 1547) verbunden, der er einige seiner schönsten Sonette widmet und unter deren Einfluss mehrere rel. Zeichnungen u. Skulpturen entstehen: darunter drei Pieta-Darstellungen, die im Schmerz über den Tod des Menschensohnes schon dessen tröstliche Auferstehung erahnen lassen (die für sein eigenes Grabmal geplante Pieta im Florentiner Dom, die Palestrina-Pietä in der Accademia in Florenz und die Pieta Rondanini im Castello Sforzesco in Mailand). Über der Pieta Rondanini stirbt M. fast 90jährig in Rom, wird nach Florenz überführt und dort in S. Croce bei gesetzt.
Michaelangelo Buonarroti war primär Bildhauer, auch in seiner Malerei und Architektur. Seine Werke sind gewaltige persönliche Bekenntnisse, und selbst die unvollendeten haben eine gültige Aussage (vgl. z.B. Sklaven des Julius-Grabmals oder die späten Pieta-Darst.). Sein Streben nach »Kraftausdruck« hob die stat. Harmonie der Renaissance auf und führte zur expressiven Dynamik des Barock; damit wurde er zum Vorbild weit über die Grenzen Italiens hinaus. L. ALtmann

Ergänzung: Bedeutende marianische Einzelwerke Michelangelos
Als älteste erhaltene Mariendarstellung M.s gilt die „Madonna della scala“ (1492 fertiggestellt), ein Marmor-Flachrelief in der Technik von Donatello, das heute in der Casa Buonarroti (Florenz) zu sehen ist; es zeigt eine Maria lactans, fast monumental auf einer Treppe sitzend, den Jesusknaben stillend, der muskulös dem Betrachter Arm und Rücken zuwendet und fast schlafend erscheint; Maria blickt nachdenklich in die Ferne. Die ungewöhnliche Darstellung wirkt klassisch-griechisch und entbehrt der im späten 15. Jh. gängigen Ikonographie der Gottesmutter.
Das weltberühmte Vesperbild aus Marmor im Petersdom, die „Römische Pietà“, schuf Michelangelo als Auftragsarbeit für den fr. Kardinal Jean Bilhères de Lagraulas, Benediktinerabt von Saint Denis, Botschafter beim Hl. Stuhl, in den Jahren 1497-99. Das jugendliche Gesicht der Madonna kontrastiert zu ihrer matronenhaften Erscheinung mit dem ausladenden, vielfach gefalteten Kleid, in dem sie mit starken Händen einen zierlichen Christus-Leichnam hält, der mehr erschöpft-schlafend denn geschunden-ermordet erscheint. Unübertroffen ist die feine Bearbeitung des Carrara-Marmors und der pyramidale Aufbau der Pietà. Die Körperhaltung Mariens kann als Hingabe-Gestus gedeutet werden, wonach sie als Neue Eva in den Willen des Vaters einwilligt und den Sohn darbietet.
Michelangelos „Brügger Madonna“ (1506 vollendet) ist eine Marmorskulptur, die eine sitzende Maria mit stehendem Jesuskind zeigt; sie findet sich in der Liebfrauenkirche von Brügge.
Das Rund-Gemälde der Heiligen Familie von Michelangelo, das sog. „Tondo Doni“, zählt zu den bekanntesten Gemälde der ital. Renaissance; es wurde 1508 vollendet. Das in Öl gemalte Tafelbild zeigt Maria und das Jesus-Kind in bewegter Szene, mit Josef im Hintergrund – in leuchtenden Farben; es befindet sich in den Uffizien (Florenz).
Die sog. „Pietà Rondanini“, an der Michelangelo zwischen 1552 und 1564 arbeitete, blieb unvollendet. Die fast zwei Meter hohe, formal reduzierte Marmorfigur zeigt Maria stehend, wie sie den nackten Leichnam Jesu hält (nach der Kreuzesabnahme); sie ist heute im Castello Sforzesco (Mailand) zu sehen.

Literatur: E. Steinmann u. R. Wittkower, Michelangelo-Bibliographie 1510-1926, Leipzig 1927 (Nachdr. 1967). — Luitpold Dussler, M.-Bibliographie 1927-70, Wiesbaden 1974. — H. v. Einem, Michelangelo. Bildhauer, Maler, Baumeister, 1973. — Lutz Heusinger, M. Leben u. Werk in chronolog. Reihenfolge, Bayreuth 1976. – R. Salvini u. E. Segré, Michelangelo, 1977. — V. Guazzoni u.a., M. – Der Bildhauer, Architekt u. Maler, Stuttgart u. a. 1984 (3 Bde.). – B. Lamarche-Vadel, M. Leben u. Werk, 1989.

Literatur-Ergänzung: Peter Dering, Art. „Michelangelo B.“, in: BBKL V (1993) 1498-1502. – Daniel Kupper, Michelangelo, 2004 (Lit.!). – Stefanie Penck, Michelangelo, München 2005. – Kerstin Schwedes, Michelangelos “Römische Pieta”, in: M. Rohlmann u. a. (Hg.): M. – Neue Beiträge, München u. a. 2000, 93-113. – Stefano di Fiores, La Madonna in Michelangelo. Nuova interpretazione teologico culturale, Città del Vaticano 2010 (spezif. Literatur!). – Grazia D. Folliero-Metz, S. Gramatzki (Hg.), Michelangelo B. Leben, Werk u. Wirkung. Positionen u. Perspektiven der Forschung, Frankfurt u. a. 2013. – F. Zöllner, C. Thoenes, T. Pöpper, M. – das vollständige Werk, Köln 2014 (Bibl.!). – H. Bredekamp, Michelangelo, Berlin 2021 (neuste Lit.!).

Links: Golo Maurer, Art. „Michelangelo“ (1471), in: Allg. Künstler-Lexikon 2016
https://www.degruyterbrill.com/database/… (Michelangelo+Buonarroti)

https://de.wikipedia.org/wiki/Michelangelo
https://de.wikipedia.org/wiki/Römische_Pietà
https://de.wikipedia.org/wiki/Brügger_Madonna
https://de.wikipedia.org/wiki/Tondo_Doni
https://de.wikipedia.org/wiki/Pietà_Rondanini

Ergänzungen durch: Achim Dittrich (26.3.2026)