MARIENLEXIKON

Matthias Joseph Scheeben (Theologe)

Art. „Scheeben, M. J.“, in: ML V (1993) 699 ff. (Leo Scheffczyk)

Matthias Joseph Scheeben, * 1.3.1835 in Meckenheim, + 21.7.1888 in Köln, Gymnasialausbildung in Münstereifel u. Köln, phil. u. theol. Studien in Rom (Gregoriana), wo u.a. -> Passaglia, -> Perrone, Franzelin u. -> Schrader seine Lehrer waren. Von diesen Vertretern der »Röm. Schule« innerhalb der Neuscholastik übernahm Scheeben die positiv-geschichtl. Ausrichtung der Theologie an Schrift u. Kirchenvätern (bes. den griech.), zog aber auch die großen Scholastiker, die Mystiker u. die nachtridentin. Vertreter einer positiven Theologie wie -> Petavius und -> Thomasin in seinem Werk heran, dessen Eigenart in einer organisch spekulativen Zusammenschau der Glaubenswahrheiten gelegen war (Mysterien des Christentums, 1865; Kath. Dogmatik [bis zur 2. Abt. des 3. Bandes 1887 gediehen, fortgesetzt von A. Atzberger]).
Von der Nachwelt als »kostbarste Blüte der Neuscholastik« (K. Eschweiler) anerkannt, verlieh Scheeben auch der Mariol. neue Impulse, die ihm das Ansehen des »größten Mariologen unserer Zeit« (C. Feckes) einbrachten. In den »Marienblüten aus dem Garten der Väter u. christl. Dichter zur Verherrlichung der ohne Makel empfangenen Gottesmutter« (1860), noch der marian. Frömmigkeit u. Spiritualität verpflichtet (die immer ein Ferment seiner Theol. blieb), erstrebte er doch einen wissenschaftl. Aufbau der Mariol., der den bislang in den roman. Ländern erbrachten Leistungen ebenbürtig war, ja sie an Erudition und krit. Haltung übertreffen sollte. Obgleich der Autor keinen selbständigen mariol. Traktat verfasste, entwickelte er doch ein nahezu geschlossenes System in seiner Dogmatik, in die er das Marienthema »als Mittelglied zwischen der Lehre vom Erlöser u. seinem Werke einerseits und der Lehre von der Gnade des Erlösers u. der Vermittlung derselben durch die Kirche andererseits« einordnete (Vorrede zum 3.Bd.: Hdb. kath. Dogmatik V/l, hg. von C. Feckes, Freiburg 21954, S. X). Der Anschluss an Christi Person u. Werk verleiht dem Ganzen ein realistisches Gepräge, in dem das Gestalthafte an Maria und ihre Prärogativen (GMschaft, immerwähr. Jungfräulichkeit, die [bes. emphatisch vorgetragene] UE und Sündenlosigkeit, die leibl. Aufnahme [deren Dogmatisierung S. als möglich erachtet]) ungeschmälert zur Geltung gebracht werden können, er erlaubt aber auch die idealtypisch heilsgeschichtl. Überschau über das Geheimnis, in dem Maria als zweite Eva, als Typus der Kirche und als Inbegriff der in das Heil ein bezogenen Menschheit in Erscheinung tritt und so dem Glaubensverständnis eindringlich vermittelt werden kann. Die systemat. Grundlegung dieser beiden Aspekte leistet ein eigens herangezogenes u. ausgebildetes Formalprinzip oder eine Zentralidee, die S. in der »bräutl. Gottesmutterschaft« angelegt sieht, welche Maria sowohl als Mutter des fleischgewordenen Logos als auch als bräutl. Helferin des Erlösers erkennen lässt. Danach bestimmt sich auch die Antwort auf die von S. neu eingeführte Frage nach dem übernatürl. Personalcharakter Mariens den er als »eine Zusammengehörigkeit beider Personen« (des Logos und Marias) als »gegenseitige Angehörigkeit u. Investierung beider«, als »allseitige u. stetigste Lebensgemeinschaft« bei der bestimmt (Handbuch V/2 n. 1588). Da diese Prägung der Person Marias nicht ohne die dauernd einwirkende Kraft des Hl. Geistes gedacht werden kann, gewinnt die Mariologie folgerichtig einen bes. Geistbezug, der in der exzeptionellen Verbindung Marias zur Trinität seine Überhöhung erfährt, die eine »Eingliederung in die Familie Gottes« erbringt (V/l, n.763), eine Grenzaussage, die auf dem Boden eines mystisch organolog. Denkansatzes möglich wird. Diese Eingliederung führt zu einer vertieften Auffassung der Gnadenfülle Marias, die der »relativ unendlichen Würde« (V/l, n. 1638) entspricht und die Maria zum »Kanal der Gnade u. als mystisches Herz der Kirche« (ebd., n. 1638) erheben lässt. Dem Personalcharakter (oder auch -> Fundamentalprinzip) entsprechend, drängen die mariol. Gedanken zur Feststellung einer Mitwirkung der bräutlichen GM am Erlösungswerk Christi, wofür S. sogar den Ausdruck eines »zweiten Prinzips« (V/2, n.1774) zulässt, obgleich er die Annahme eines »doppelten Opfers« ablehnt (V/2, n. 1793). Dafür räumt er Maria in Analogie zum liturg. Dienst die Stellung einer »Diakonin« oder »Opferbringerin« ein (freilich nur in Entsprechung zur »opferbringenden laikalen Funktion« beim mosaischen Opfer [V/2, n. 1798]). Diese Funktion Marias ist mit dem Stellvertretungsgedanken verbunden, kraft dessen Maria ihren Dienst »in Stellvertretung der Menschheit« leistete (V/2, n. 1796), wodurch sie auch zur »Depositarin des ganzen Erlösungsverdienstes für die ganze Menschheit u. für alle Zeiten geworden ist (V/2, n. 1838). In diesem Sinne hält der Autor auch den Titel – > »Miterlöserin« für unverfänglich. Die organisch verbundene, spekulativ durch wirkte u. emphatisch überhöhte Zusammenschau der Mariengeheimnisse war aber auch um eine gesicherte bibl. Fundierung bemüht, die den Literalsinn als grundlegend anerkannte, aber dem Sensus spiritualis ein Recht einräumte, was freilich über die Forderungen der modernen historisch-krit. Exegese hinausgeht.
Mit seinem originellen Entwurf hat Scheeben manche Gedanken der späteren mariol. Entwicklung vorweggenommen, aber v. a. die Mariol. auf die Höhe einer dogm.-wissenschaftlichen Disziplin erhoben unter bewusster Einordnung in das Christusgeheimnis.

WW: Ges. Schriften, hg. von J. Höfer u. a., 7 Bde., 1941-61. — Scheebens Briefe nach Rom, hg. von H. Schauf u. A. Eröss, 1939. — Marienblüten, Schaffhausen 1861. — Natur u. Gnade, Mainz 1861; neu hg. v. M. Grabmann, 1935. — Die Herrlichkeit der göttlichen Gnade, Freiburg 1862. — Die Heiligkeit der Kirche im 19. Jh., Frankfurt 1867.

Literatur: Michael Schmaus, Die Stellung Scheebens in der Theol. des 19. Jh.s, In: Kath. Akademikerverband (Hg.), M. J. Scheeben. Der Erneuerer der kath. Glaubenswissenschaft, 1935. — Carl Feckes, Die Stellung der Gottesmutter Maria in der Theol. M. J. Scheebens, In: FS zum 100. Geb. S.s, 1935. — Ders., M. J. S., Die bräutl. Gottesmutter. Aus dem Handbuch der Dogmatik hg. u. für weitere Kreise bearbeitet, 1936. — A. Keerkvoorde, M. J. S., Le mystère de F Eglise et de ses sacraments, 1946. — W. Bartz, Das Geschichtsbild M. J. S.s, In: TThZ 56 (1947) 65-74. – Julius Tyciak, Der dogmat. Schriftbeweis bei M. J. S., 1948. — E. H. Palmer, Scheebens Doctrine of Divine Adoption, 1953. — H. Mühlen, Der Personalcharakter Mariens nach M. J. S., In: WiWei 17 (1954) 191-214; 19 (1956) 17-24. – Leo Scheffczyk, Die Lehranschauungen J. M. S.s über das ökum. Konzil, In: ThQ 141 (1961) 129-173. – H. J. Hecker, Chronik der Regenten, Dozenten u. Ökonomen im Priesterseminar des Erzbistums Köln 1615-1950, 1962. — K. Wittkemper, Die heilsgeschichtl. Stellvertretung der Menschheit durch Maria bei M. J. S., In: C. Feckes (Hg.), Die heilsgeschichtl. Stellvertretung durch Maria, 1954, 308-322. — Ders., Die Verwendung der Hl. Schrift in der Mariol. M. J. S.s, In: Dt. AG für Mariol. (Hg.), Hl. Schrift u. Maria, Mariol. Studien II, 1963, 149-165. – L. Scheffczyk (Hg.), Theologie in Aufbruch u. Widerstreit. Die dt. kath. Theologie im 19. Jh., 1965, 371-408. – E. Paul, M. J. Scheeben, In: H. Fries u. a. (Hgg.), Kath. Theologen Deutschlands im 19. Jh. II, 1975, 386-408. — D. Beretto, La mariologia in M. J. S., In: M. J. S. teologo cattolico d’ispirazione tomista, 1988, 335-349. — M.-J. Nicolas, Le concept de maternité sponsale dans la théologie mariale de S., ebd. 351-359. — J.- M. Salgado, La maternité spirituelle de la S. Vierge selon M. J. S., ebd. 361-381. — A. Ziegenaus, Maria als Abbild der Person des Hl. Geistes (M. J. S.), In: Ders. (Hg.), Maria u. der Hl. Geist, 1991, 25-38. – R. Birkenmaier, Die geistgewirkte Empfängnis Jesu u. die jungfräul. Gottesmutterschaft Mariens in den frühen systemat. Werken M. J. Scheebens, Freiburg 1992. – W. W. Müller, Die Gnade Christi. Eine gesch.-systemat. Darstellung der Gnadentheorie M. J. Seebens u. ihrer Wirkungsgeschichte, St. Ottilien 1994. – Art. „Scheeben, M. J.“, in: BBKL IX (1995) Sp. 29-37 (Raimund Lachner). – Manfred Hauke, Die Mariologie Scheebens – ein zukunftsträchtiges Vermächtnis, in: Ders. u. M. Stickelbroeck (Hgg.), Donum Veritatis (FS A. Ziegenaus), Regensburg 2006, 255-274. – Achim Dittrich, M. J. Scheeben – Mutter und Herz der Kirche, in: Mater Ecclesiae, Würzburg 2009, S. 406-436. – M. Hauke, M. J. Scheeben (+ 1888) nella mariologia tedesca del XIX secolo, in: A. Serra u. a. (Hg.), Storia della mariologia II, Rom 2012, 696-714. – P.-R. Ambrogi u. D. Le Tourneau, Art. „Scheeben, M. J.“, in: Dictionnaire encyclopédique de Marie, Paris 2015, S.1279 f. – Even S. Koop, Per Gemitum Columbae. The Virgin Mary’s „Bridal Cooperation“ in the Redemptive Sacrifice of the Cross, in the Mariology of M. J. Scheeben and his Patristic Sources, Rom 2023; Ders., The Theme of Mary’s Cooperation in Redemption according to Scheeben’s 19th-Century Sources, in: Sedes Sapientiae. Mariol. Jb 27 (2023) 135-204. (Literatur ergänzt: April 2026).