Lullus, Raimundus (Theologe u. Literat)
von Johannes Stöhr
Artikel aus dem Marienlexikon, Bd. 4, 1992, (S. 186-188) in einer Überarbeitung von Nov. 2024.
RAIMUNDUS LULLUS (RAMÓN LLULL), * 1232/33 auf Mallorca, † 1316 auf der Rückreise von Afrika, ist eine der merkwürdigsten u. interessantesten Persönlichkeiten des an großen Gestalten so reichen 13. Jahrhunderts. Lullus hat die Aufmerksamkeit der Historiker, Theologen, Philosophen, Künstler, Sprachforscher, Hagiographen und nicht zuletzt des gläubigen Volkes bis heute auf sich gezogen. Er erweckte Sympathien, ja Bewunderung als unermüdlicher Heidenmissionar u. Verfasser vieler Werke über Theologie u. Philosophie, über Recht, Medizin, Mathematik, Pädagogik, Physik u. Psychologie. Der „Doctor illuminatus“ gilt als Mystiker u. Kämpfer gegen den Averroismus, gegen Irrtümer des Islam u. Judentums, als unerschrockener Mahner von Päpsten, Konzilien, Bischöfen u. Königen, als religiöser Troubadour, Dichter u. Sprachschöpfer, als Logiker u. Vorgänger der Kombinatorik, Pädagoge, Soziologe, als Arabist u. Mitbegründer der katalan. Schriftsprache, als akadem. Lehrer u. Gründer eines Missionskollegs, Publizist in der Welt der Kreuzzüge und gefeierter Held des katalan. Volkes. Er schrieb u. sprach perfekt Katalanisch, Ara-bisch u. Latein. Er soll 1316 in Nordafrika gesteinigt worden sein; sein Grab befindet sich in der Konventskirche „Sant Francesc“ in Palma; er war dem Franziskanerorden verbunden (als Tertiar). Über sein Leben sind wir recht gut unterrichtet: Er diktierte seinem Schüler Thomas le Myésier aus Arras seine Lebensgeschichte (Vida coetánea, París 1311).
Lullus gilt in der Tradition von Eadmer, Neckham, Pedro a Compostela mit Duns Scotus als ein früher Verteidiger der Unbefleckten Empfängnis. 1298 vertrat er diese Lehre an der Sorbonne in Paris. Er äußerte sich klar zur Gnadenfülle, geistl. Mutterschaft u. besonders über die Fürbittmacht, die Assumptio u. königl. Würde Mariens. In der Mehrzahl seiner über 270 Werke (in lat., arab. u. katalan. Sprache) wird Maria erwähnt; mindestens 13 sind ganz oder abschnittsweise dem Lob der Gottesmutter gewidmet. Lullus pflegte es, viele Kapitel in seinen Schriften mit einer Anrufung Mariens zu beginnen. Der Arbor philosophiae amoris (Paris 1298) ist der »Mutter der göttlichen Liebe« gewidmet: Dona santa Maria, que es subirana dona d’Amor (ORL 18 [1935] 69; ed. lat.: MOG VI, 1737).
Lullus nannte sich selbst Dulce trovador de Nuestra Senora S. Maria. Als Theologe schrieb er über Maria u.a. im Arbor scientiae u. Libre de Santa Maria, als Beter u. Dichter im Llanto de la Virgen, den Hores de s. Maria und Hores de nuestra Senora; als Katechet im Libre de doctrina pueril, in Felix de la Meravilles und Liber de Ave Maria. In seinem Roman Blanquerna (Libre de sancta Maria) findet sich ein persönl. Liebesbekenntnis zu Maria (c. 76). Das Christenleben sei immer marianisch, in allen Bereichen des Mühens um Tugend (Libro de la contemplación, c. 285).
Im Libre de sancta Maria (= De laudibus BMV), wohl verfasst in Rom u. in Apulien 1290/92, seiner bedeutendsten mariolog. Schrift, erscheinen u. a. drei poet. Personifizierungen (laus, oratio, intercessio) und sprechen mit einem Eremiten über Marias Titel, Würden u. Fürbittmacht. Entsprechend dem Schema der Grundwürden werden in 30 Kapiteln Marias Größe, Güte, Macht, Weisheit, Schönheit, Demut, Armut, Frömmigkeit, Geduld, Gehorsam, Glorie, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit usw. gepriesen; sie wird als Herrin u. Königin der Gnade angerufen. Maria sei notwendig Jungfrau vor u. nach der Geburt (De laudibus BMV, c. 15), voll der Gnade, Miterlöserin durch die Menschwerdung u. ihr Mitleiden auf Kalvaria (ORL X, 183). Ihre leibl. u. seelische Schönheit wird wegen der Verbindung mit Christi Menschennatur gerühmt (De laudibus BMV, c. 14); am meisten interessiert aber ihre geistige Gestalt u. himml. Wirksamkeit.
Glaubensartikel u. alle sieben Sakramente ruhen auf Marias Glauben (De laudibus BMV, c. 20). Beim Empfang der hl. Eucharistie reinige u. heilige das Ja zu ihrer Heiligkeit im Hinblick auf das Fiat (ORL X, 89). Die Erbsündenfreiheit wird in der Disputatio Eremitae et Raimundi super aliquibus dubiis quaestionibus Sententiarum magistri Petri Lombardi (MOG IV, 1729) ausgeführt.
In den Hores de s. Maria, einem Stundenbuch für Laien (verfasst zw. 1276-1285; ORL X, 231-288) erklärt er im Prosastil die Glaubensartikel, die Gaben des Hl. Geistes, Tugenden u. Laster, die Sakramente u. das Ave Maria. Etwas problematisch ist es, wenn er Parallelen zwischen den Stufen des Ordo u. dem heilswirksamen Tun Mariens aufstellt (Ps 39-42; ORL X, 277 s.). In den Hores de nuestra Dona (ORL XIX, 173-198) finden sich auch Verse. El Plant de la Virgen (ORL XIX, 201-206) reiht sich stilistisch als Versgedicht in die Marienklagen des Mittelalters ein.
Maria wird als Mutter der Wiedergeburt bezeichnet, als Mutter der Erlösung, als Medicina del linaje humano, als Gloriosa dona, hl. Heilkraut, mit dem jeder Sünder geheilt wird, als Lebensbaum u. Prinzip der Erlösung für die Menschen. Nach Lullus konnte die Wiedergeburt durch den Sohn Gottes nicht ohne Maria geschehen: Unsere Herrin hat mit ihrem Sohn alle Sünder von der Verdammnis befreit (Hores, 6; ORL X, 239). Ihre Mutterschaft umfasse alle Bestrebungen, die dem Menschen dienen, denn sie ist Mutter der Wiedergeburt: Gran en maternitat, segons que les fins son moltes e de gran necessitat, utilitat e virtut (Arbre de la ciencia, ORL XII, 188 s.). Mit ihr habe Gottes Sohn aus Liebe die ganze materielle Welt wiedererschaffen (ebd. 190).
Im Libre de Evast i Blanquerna (Montpellier 1282/87; lib. 2 cap. 61-66), einem utopischen Roman, fügt er Marienlegenden u. Novellen den Anrufungen des Ave Maria an. Die Erzählung zeigt einen Klausner, der ritterlich nur dem Lob Mariens dient (cap. »Benedicta tu«); doch werden Vorbild u. Fürbittmacht als Helferin der Sünder u. Förderin der Glaubensausbreitung sowie der Wert der Marienverehrung für alle Stände gepriesen und ein entsprechendes Reformprogramm empfohlen. Kap. 76 enthält das Lobgedicht A vos dona Verge Santa Maria (ORL XIX, 272). Bei aller Betonung der Notwendigkeit von Lobpreis u. Gebet wird Maria als Mittlerin bei der Zuwendung der Erlösungsgnaden auch unabhängig vom Wissen u. Wollen der Menschen gesehen; sie vertrete ebenso Unwissende u. Heiden.
Im Arbor scientiae (Arbre de la ciencia, ca. 1296 (BAC 65, 103-139.) verwendet Lullus das Bild des Baumes (arbre maternal) mit seinen Wurzeln, Blättern u. Früchten für die Mariologie. Die Frucht dieses mütterl. Baumes sei Christus (ORL XII, 191); der Stamm bringe so große Zweige hervor, dass die Menschen in seinem Schatten ruhen können.
In den Sermones de BMV des Liber de praedicatione (ROL 118, 255-271) wird Maria Reparatrix, mater salvationis, virtutum operatrix und Gratiae reformatrix genannt. Sie sei völlig sündenlos, gefestigt in der Gnade (Sermo 65).
Im Liber super Psalmum Quicumque vult sive liber Tartari et Christiani (Rom 1285) legt er einem bekehrten Tartaren die Lobesworte in den Mund: O principium meae salutis, sis ergo medium et finis meae benedictionis; et quia magna es, da mihi magnum, et quia bona es fac mihi bonum; nam in tuo Filio et in te produxit Filius Dei plus de suis similitudinibus, quam in omnibus creaturis (MOG IV, 28). In den Erklärungen des Credo kommt die Jungfräulichkeit u. Mutterschaft Mariens zur Sprache (MOG II, 58, 61, 169, 209-212), als höchster Erweis der Güte, Macht u. Weisheit Gottes. Eine Expositio super Ave Maria datiert auf das Jahr 1312, auf Mallorca verfasst (vgl. E. W. Platzeck, n. 223). Umstritten in seiner Authentizität ist die Schrift Benedicta tu in mulieribus (1289?; ORL X, 291-359), das klare Aussagen über die Unbefleckte Empfängnis enthält.
Marias Gnade leitet Lullus von ihrer Gottesmutterschaft ab. Gott selbst hätte nichts Höheres u. Edleres schaffen können. Über die bes. Weise der Miterlösung erklärt er nur allgemein, dass sie durch Menschwerdung und Mitleiden unter dem Kreuz geschah.
Lullus‘ Bedeutung liegt nicht zuletzt darin, dass er als popularisierender Theologe wichtige Grundideen in einfacher Sprache entfaltet hat. Seine vorwiegend prakt. Theologie erwuchs aus der Kontemplation und sollte zur Gottesweisheit hinführen. Im Dialog mit Andersgläubigen scheute er sich nicht, die Unterscheidungslehren (z. B. Trinität u. Inkarnation) in den Mittelpunkt zu stellen. Er war davon überzeugt, dass die Marienverehrung für die Intensivierung der apostolischen Arbeit unentbehrlich sei.
WW:
Werk-Verzeichnis: P. GLORIEUX, Repertoire des maîtres en Théologie au XIII siècle, Bd. II, 1933.
Vida coetània (‚Vida coetánea‘, autobiografía), París 1311 – Testamentum Raimundi / El Testamento de Ramón Llull. Edición y traducción del texto por F. Domínguez Reboiras, Madrid 2020.
Opera latina, Straßburg 1651, Reprint hg. u. eingeleitet v. A. Bon-ner, Stuttgart-Bad Cannstatt 1996.
Beati Raymundi Lulli doctoris illuminati et matyris Opera, hg. Ivo Salzinger, 8 Bde., Mainz 1721-42 (Nachdruck: Frankfurt am Main 1965, abgekürzt: MOG).
Obres de Ramon Llull, hg. v. M. Obrador, S. Galmés u.a., 21 Bde., Palma 1906-1950 (ORL); fortgesetzt in der Nova edició de les obres de Ramon Llull, Palma 1990 ff (katalan. Gesamtausgabe)
Das Ave-Maria des Abtes Blanquerna (Kl. Marianische Bücherei, 4; übersetzt von J. Solzbacher), Paderborn 1954.
Opera latina cum cura et studio Instituti Raimundi Lulli Universitatis Friburgensis (ROL), 1959 ff. (krit. Lat. Gesamtausgabe, bis 2024: 40 Bde. von 55) – vgl. https://¬web.archive.org/web/¬200910-26235722/¬¬¬¬
Das Buch vom Freunde und vom Geliebten (Libre de Amic e Amat), übersetzt u. hg. v. Erika Lorenz, Freiburg 1992.
Das Buch über die heilige Maria – Libre de sancta Maria (dt. – katalán). Hg. von Fernando Domínguez Reboiras (MyGG I,19), Einführung v. F. D. Reboiras u. Blanca Garí (I-XLVII) Stuttgart 2005.
Literatur:
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Autor: Johannes Stöhr, Nov. 2024
