Ibas von Edessa, Bischof
von Hubert Alisade (Januar 2026)
Ibas von Edessa (syr. Hīḇā oder Īhīḇā), † am 28. Tešrīn qdem 769 der Seleukidenära (= 28. Okt. 457 n. Chr.). – Dieser syr. Theologe war von 435 bis 457 Bischof von Edessa u. zuvor angesehener Lehrer u. Übersetzer an der dortigen Schule. Er nahm am Konzil von Ephesus teil und versuchte als Anhänger des Theodor v. Mopsuestia mit seinem „Brief an den Perser Marī“ eine differenzierte christolog. Position einzunehmen; er unterstütze dabei die Qualifizierung Mariens als Gottesgebärerin.
Von seiner Kindheit und Jugend ist nichts überliefert. Vor seiner Erhebung auf den bischöfl. Stuhl v. Edessa nach dem am 8. Aug. 435 erfolgten Tod seines Vorgängers u. persönl. Feindes Rabbūlā war Ibas als maßgeblicher Wissenschaftsorganisator u. Übersetzer an der sog. „Perserschule v. Edessa“ tätig. Als Bischof scheint er in ökonomischen Belangen nicht immer glücklich agiert zu haben u. geriet nach der Ordination eines seiner Neffen zum Bischof in den Verdacht des Nepotismus. Darüber, ob Ibas in einer Ehe lebte, was zu seiner Zeit im oström. Reich auch für Bischöfe noch möglich war, lässt sich nur mutmaßen. Jedenfalls scheint er nicht im selben Maße hohen asket. Idealen angehangen zu haben wie sein Vorgänger Rabbūlā.
Das einzige noch erhaltene aus der Feder des Ibas stammende Werk ist der berühmte „Brief an den Perser Marī“, der in den christolog. Kontroversen des 5. u. 6. Jh.s eine bedeutende Rolle gespielt hat. Ursprünglich wohl in syr. Sprache u. sehr bald nach der das 431 in Ephesus ausgebrochene Schisma zw. den Patriarchaten Antiochien und Alexandrien (vorläufig) beendigenden Union v. April 433 verfasst, legt der Brief die Ereignisse rumd um das Konzil von Ephesus dar; dessen Adressat Marī, der gemäß dem miaphysit. Bischof Šemʿōn d-Bēth Aršam († vor 548) aus Bēth Hardašīr (wohl identisch mit Rēv Ardašīr am Persischen Golf) stammte (Ms. Vat. sir. 135, fol. 25rb, Zeile 28–30), bekleidete nach der sog. „Chronik von Seert“ in Persien die Würde eines Metropoliten (ed. Scher 1911, S. 117). Gleich am Anfang des Briefes distanziert Ibas sich von Nestorius wegen dessen Ablehnung der Bezeichnung Mariens als Θεοτόκος, aber auch von Cyrill v. Alexandrien, der seiner Ansicht nach im Zuge der Bekämpfung des Nestorius in die Lehre (δόγμα) des Apollinarius verfiel. Energisch verwahrt er sich gegen die Behauptung Cyrills, man dürfe um der Wahrung der Einheit Christi willen nicht zw. dessen Aussagen über sich selbst u. den Aussagen der Evangelisten über ihn unterscheiden. Joh 1,1 etwa kann gemäß Ibas nur auf die Gottheit Christi u. nicht „auf den aus Maria geborenen Tempel“ (επί τοῦ ναοῦ τοῦ γεννηθέντος έκ Μαρίας; ed. Schwartz 1935, S. 32, Zeile 30), d. h. seine Menschheit, bezogen werden, während es sich bei Ps 8,6 (LXX: ἠλάττωσας αὐτὸν βραχύ τι παρ᾽ ἀγγέλους; „du hast ihn ein wenig geringer gemacht als die Engel“) genau umgekehrt verhält. Diese Veranschaulichung anhand von Schriftstellen mündet in die christolog. Formel: „zwei Naturen, eine Kraft, eine Person, das ist der eine Sohn, der Herr Jesus Christus“ (δύο φύσεις, μία δύναμις, ἕν πρόσωπον, ὅπερ ἐστὶν εἷς υἱὸς κύριος Ἰησοῦς Χριστός; ed. Schwartz 1935, S. 33, Zeile 1-2). Im weiteren Verlauf wendet sich Ibas scharf gegen Rabbūlā, den zur Abfassungszeit des Briefes amtierenden Bischof v. Edessa, den er u. a. wegen der posthumen Anathematisierung des im Jahr 428 im Frieden mit der Kirche verstorbenen Bischofs Theodor v. Mopsuestia, dessen christolog. Lehren später v. a. in der ostsyr. Kirche wirkmächtig werden sollten, als „den Tyrannen unserer Stadt“ bezeichnet (ὁ τῆς ἡμετέρας πόλεως τύραννος; ed. Schwartz 1935, S. 33, Zeile 26).
Auf dem von Papst Leo I. als „latrocinium“ bezeichneten, von Patriarch Dioscoros v. Alexandria geleiteten Konzil v. Ephesus i. J. 449 wurde Ibas als Bischof abgesetzt u. aus der Kirchengemeinschaft ausgestoßen, vom Konzil von Chalkedon i. J. 451 jedoch vollständig rehabilitiert. Als Todesdatum gibt die sog. „Edessenische Chronik“ den 28. Okt. 457 an (s. ed. Hallier 1892, S. 152).
Auch nach seinem Tod blieb Ibas aufgrund der von ihm vertretenen Zwei-Naturen-Christologie eines der großen Feindbilder der miaphysit. Fraktion. Šemʿōn d-Bēth Aršam ordnet ihn in seine ein unhist. Konstrukt darstellende, mit Hannas u. Kaiaphas (sic!) beginnende Sukzessionskette der nestorian. Häresie ein u. spricht von „seinen Blasphemien“ (syr. gūdāphaw(y); Ms. Vat. sir. 135, fol. 25rb, Zeile 17). Johannes v. Ephesus bezeichnet Ibas in seinen wohl in den 560er J. verfassten Lebensbeschreibungen der östl. Heiligen als „Gotteslästerer“ (syr. mg̱adphānā; ed. Brooks 1923, S. 139). Folgenreicher jedoch als derartige Abqualifizierungen durch einzelne miaphysit. Autoren war, dass Kaiser Justinian im Zuge seiner (gescheiterten) Bemühungen für eine Wiedervereinigung zw. Anhängern u. Gegnern des Konzils v. Chalkedon – wobei der Kampf gegen den „Nestorianismus“ eine tragende Rolle spielte –, den „Brief an den Perser Marī“ stigmatisierte. Diese unter dem Namen „Dreikapitelstreit“ bekannte Kontroverse fand ihren Höhepunkt auf dem i. J. 553 von Kaiser Justinian einberufenen 2. Konzil v. Konstantinopel mit dessen Verurteilung der „Drei Kapitel“, d. h. des Briefs des Ibas sowie der Schriften (bzw. der christolog. Lehren) des Theodor v. Mopsuestia u. des Theodoret v. Cyrrhus. Speziell gegen den Brief des Ibas wendet sich das 14. Anathema, wobei die Autorschaft desselben unbegründeter Weise offengelassen wird („epistolam quam dicitur Ibas … scripsisse“; ed. Straub 1971, S. 219; griech.: ebd. S. 244). Papst Vigilius hat, nicht zuletzt aufgrund enormen kaiserl. Drucks, diese Verurteilung in einem Brief an den konstantinopolitan. Patriarchen Eutychios v. 8. Dezember 553 (ed. PL 69, col. 121-128) u. in dem sehr ausführlichen „Constitutum“ v. 23. Februar 554 (ed. PL 69, col. 143–178) sanktioniert. Einen Verteidiger dagegen fanden die „Drei Kapitel“ in dem nordafrikan. Bischof Facundus v. Hermiane, der in seinem umfangreichen Werk „Pro defensione trium capitulorum“ betreffs Ibas, dem er bzgl. seiner Haltung zu Cyrill v. Alexandrien durchaus nicht unkritisch gegenübersteht, ausdrücklich darauf hinweist, dass dieser sich von Nestorius wegen dessen Ablehnung des marian. Titels „Gottesgebärerin“ distanziert habe.
WW: Brief an den Perser Marī: Johannes Flemming, Akten der Ephesinischen Synode v. Jahre 449 syr. mit Georg Hoffmanns dt. Übers. u. seinen Anm. hrsg., in: Abh. der königlichen Gesellschaft der Wiss. zu Göttingen. Philol.-hist. Klasse. NF Bd. XV. Aus den Jahren 1914 bis 1917. Berlin 1917 (Nachdruck: Göttingen 1970), S. 48–53 (syr. u. dt.; franz. Übers.: Jean Pierre Paulin Martin, Actes du brigandage d’Éphèse. Traduction faite sur le texte syriaque contenu dans le manuscrit 14530 du Musée Britannique. Amiens 1874; engl. Übers.: S. G. F. Perry, The Second Synod of Ephesus together with certain extracts relating to it. From Syriac MSS. preserved in the British Museum and now first edited. English Version. Dartford 1881). Diese syr. Version ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Rückübersetzung aus dem Griech., das mutmaßliche syr. Original ist verloren.; – Eduardus Schwartz (ed.), Acta Conciliorum Oecumenicorum. Tomus alter: Concilium universale Chalcedonense. Vol. primum, Pars tertia: Actiones VIII–XVII. 18–31. Berolini et Lipsiae 1935, S. 32–34 (griech.; dt. Übers.: Rammelt 2008, S. 69–72; engl. Übers.: Bradley K. Storin, Ibas of Edessa, Letter to Mari the Persian, in: Mark DelCogliano (ed.), The Cambridge Edition of Early Christian Writings. Vol. 3. Christ: Through the Nestorian Controversy. Cambridge 2022, S. 726–730); – Ders. (ed.), Acta Conciliorum Oecumenicorum. Tomus alter: Concilium universale Chalcedonense. Vol. tertium, Pars tertia: Actiones VII–XVI. Concilii Allocutio ad Marcianum. Berolini et Lipsiae 1937, S. 39–43 (lat.).
Quellen: Šemʿōn d-Bēth Aršam, Epistula Simeonis Beth-Arsamensis de Barsauma episcopo Nisibeno, deque haeresi Nestorianorum, Ms. Città del Vaticano, Bibliotheca Apostolica Vaticana, Vat. sir. 135, fol. 24ra–27ra (codex unicus); ed. Joseph Simonius Assemanus, Bibliotheca Orientalis Clementino-Vaticana. Tomus primus: De Scriptoribus Syris Orthodoxis. Romae 1719, S. 346–358 (syr. u. lat.); engl. Übers.: Aaron Michael Butts, Simeon of Beth Arsham, Letter on Bar Ṣawmā and the Heresy of the Nestorians, in: Mark DelCogliano (ed.), The Cambridge Edition of Early Christian Writings. Vol. 4. Christ: Chalcedon and Beyond. Cambridge 2022, S. 309–316; – Papst Vigilius, Epistola decretalis Vigilii Papae, ed. PL 69, col. 121–128 (griech. u. lat.); – Ders., Vigilii Papae Constitutum pro damnatione trium capitulorum, ed. PL 69, col. 143–178; – Edessenische Chronik, ed. u. übers. Ludwig Hallier, Untersuchungen über die edessenische Chronik. Mit dem syr. Text u. einer Übers. hg. TU 9.1. Leipzig 1892, S. 110–114 (dt.), S. 151–152 (syr.); – Chronik von Seert, ed. Addai Scher, Histoire Nestorienne (Chronique de Séert). Seconde partie (I). PO 7.2. Paris 1911, S. 117 (arab. u. franz.); – Johannes v. Ephesus, Buch der Geschichten über den Lebenswandel der östlichen (Heiligen), ed. Ernest W. Brooks, John of Ephesus. Lives of the Eastern Saints. PO 17.1. Paris 1923, S. 139 (syr. u. engl.); – Johannes Straub (ed.), Acta Conciliorum Oecumenicorum. Tomus quartus: Concilium universale Constantinopolitanum sub Iustiniano habitum. Vol. primum: Concilii Actiones VIII. Appendices Graecae. Indices. Berolini 1971; – Facundus v. Hermiane, Pro defensione trium capitulorum, ed. A. Fraïsse-Bétoulièr (Tome IV: A. Fraïsse-Bétoulièr / A. Solignac), Défense des Trois Chapitres (À Justinien). 4 (in 5) Bde. SC 471, 478, 479, 484, 499. Paris 2002–2006; – ʿAbdishoʿ bar Brikha (Ebedjesu), Catalogus librorum omnium ecclesiasticorum, ed. Seth M. Stadel, The Catalogue of Books of ʿAbdishoʿ bar Brikha. Translated with an Introduction and Notes. Eastern Christian Texts 2, Leiden-Boston 2025, S. 136–137 (engl.), S. 234, § 61, Verszeilen 521–528 (syr.).
Literatur: Hefele II, S. 945 (Reg.); – Bardenhewer IV, S. 410–411; – Arthur Vööbus, History of the School of Nisibis. CSCO Vol. 266, Subsidia Tomus 26. Louvain 1965, S. 335 (Reg.); – Georg G. Blum, Rabbula v. Edessa. Der Christ, der Bischof, der Theologe (CSCO Vol. 300, Subsidia Tomus 34), Louvain 1969, S. 211 (Reg.); – Grillmeier-Bacht III (5. Aufl. Würzburg 1979), S. 932 (Reg.); – A. Grillmeier, Jesus der Christus im Glauben der Kirche. Bd. 2/2: Die Kirche v. Konstantinopel im 6. Jh. unter Mitarbeit v. Th. Hainthaler. Mit einem Nachtrag aktualisiert. Freiburg 1989 (Sonderausgabe 2004), S. 575 (Reg.); – Ders., Jesus der Christus im Glauben der Kirche. Bd. 2/1: Das Konzil v. Chalcedon (451). Rezeption u. Widerspruch (451-518). 2. Aufl. Freiburg 1991 (Sonderausgabe 2004), S. 388 (Reg.); – Claudia Rammelt, Ibas v. Edessa. Rekonstruktion einer Biographie u. dogm. Position zw. den Fronten. Arbeiten z. Kirchengesch. Bd. 106. Berlin / New York 2008; – Mateusz Fafinski, A Restless City: Edessa and Urban Actors in the Syriac Acts of the Second Council of Ephesus, in: Al-Masāq 37 (2025) S. 336–360; – BBKL II, col. 1236–1237 (Eckhard Hallemann); – LThK3 V, col. 381 (Wolfgang Schwaigert); – RGG4 IV, col. 1 (Peter Bruns); – Gorgias Encyclopedic Dictionary of the Syriac Heritage: Electronic Edition, https://gedsh.bethmardutho.org/Hiba (Lucas Van Rompay).
Hubert Alisade (Januar 2026)
