Hesychius von Jerusalem (hl. Hesychios)
Artikel von Stefan Heid, Marienlexikon III (1990) 179 f. (überarbeitet 2025)
Hesychius von Jerusalem (+ nach 450), Mönch, seit 412 Presbyter, bedeutender Exeget der alexandrinisch-allegorisierenden Richtung. Seine Christologie orientiert sich an -> Cyrill v. Alexandria (Einheitschristologie).
Es liegen vier Marienpredigten vor, die die östl. Mariologie in der Zeit der Konzilien von Ephesus (431) u. Chalcedon (451) widerspiegeln: Homilia 1 de hypapante (= »Zusammentreffen« Christi mit Simeon u. Anna, Lk 2,22-40: Clavis Patrum Graecorum, Nr. 6565); Homilia 2 in hyp. (CPG, Nr. 6566); Hom. 5 de s. Maria deipara (»Gottesgebärerin«; kurz nach 431: CPG, Nr. 6569); Hom. 6 de s. Maria deipara (vor 428/32, mit antijüd. Polemik: CPG, Nr. 6570). Homilia 1 ist nach A. Baumstark (Rom oder Jerusalem? Eine Revision der Frage nach der Herkunft des Lichtmeßfestes, In: ThGl 1 [1909] 89-105) die älteste aus Jerusalem erhaltene Predigt auf das Fest der Reinigung Mariens bzw. der Darstellung Jesu im Tempel; dies legt den Ursprung dieses Festes in Jerusalem nahe (14.2). Homilia 5 (auch Hom. 6?) wurde am Marienfest vom 15.8. gehalten. Homilia 5 (vgl. Ch. Martin, Fragments en onciale d’homélies grecques sur la Vierge atribuées à Épiphane de Chypre et à H. de Jérusalem, In: RHE 31 [1935] 356-359) wurde wohl von -> Chrysipp v. Jerusalem (+ 479) für seine Homilie (PO 19, 336-343) benutzt (vgl. Ch. Martin, H. et Chrysippe de Jérusalem, In: RHE 35 [1939] 54-60).
Auffallende Eigenart der Predigten sind die etwa 20 versch., meist typologischen u. metaphor. Namen (Epitheta ornantia) für Maria, etwa die »Litanei« in seiner Paraphrase des xaipeiv (ave) des Verkündigungsengels: »Mutter des Lichts«, »Stern des Lebens«, »Thron Gottes«, »Tempel größer als der Himmel«, »Thron, nicht niedriger als der Thron der Cherubim«; H. bezeichnet Maria als einen »unbesäten und unbebauten, aber fruchtbaren Garten; als einen mit Trauben beladenen, reich blühenden, aber unbeschnittenen Weinstock; als eine Turteltaube; als eine unbefleckte Taube; als eine Wolke, welche lauteren Regen birgt; als einen Schmuck, dessen Edelstein glänzender ist als die Sonne; als die Grube, aus welcher der unversehrte Stein kommt, welcher die ganze Erde bedeckt; als ein Schiff mit Waren beladen, das keines Steuermanns bedarf; als einen Schatz, welcher reich macht« (hom. 5,1). »Der Bräutigam, welcher aus dir hervorgegangen ist, nannte dich einen verschlossenen Garten, eine versiegelte Quelle, und prophezeite dich als solche im Hohenlied (Hld 4,12). Einen verschlossenen Garten, weil die Sichel der Verderbnis und die Weinlese dich nicht berührt haben; die Blüte aber, welche für das Menschengeschlecht rein aus der Wurzel Jesses (Jes 11,1) hervorsprießt, wurde dir von dem reinen und unversehrten Geist allein erschlossen. Eine versiegelte Quelle, weil der Strom des Lebens, welcher aus dir entspringt, die Erde erfüllt hat; andererseits hat der Hochzeitsstrauß deine Quelle nicht erschöpft« (Hom. 5,2).
Maria, deren Schoß den Unfassbaren umschloss (Hom. 6,4), die Erstzeugin der Auferstehung (nicht Maria Magdalena Joh 20,1-18!; hom. 1,2), ist »Immer-Jungfrau« (Hom. 5,4): vor, bei und nach der Geburt. Daher bedarf sie an sich nicht der Reinigung, die das Gesetz des Mose vorschreibt (Hom. 2,2): Für »das ganze (Menschen-) Geschlecht« unterzog sie sich der Zeremonie, wobei entsprechend das Erlösungswirken Christi dem Menschengeschlecht, nicht eigentlich ihr gilt (Hom. 1,2). Die Geburt Jesu ist ein ganz und gar von Gott gewirktes, wunderbares Ereignis (Hom. 5,4). Zu Ex 3,2 (brennender Dornbusch) s. Hom. 5,2; zu Ps 132,8 (Bundeslade) Hom. 5,3; zu Jes 7,14 (Emmanuel) Hom. 5,4; zu Ez. 44,2 (verschlossene Pforte; -> Ezechiel) Hom. 1,3.
Allenthalben begegnet die Benennung Marias als »(jungfräuliche) Gottesgebärerin« (Theotokos), in den Zeiten nestorianischer Kämpfe geradezu Zeichen der Rechtgläubigkeit. »Hieraus magst du ersehen, wie erhaben und von welcher Art die Würde der Gottesgebärerin ist. Denn der eingeborene Sohn Gottes, der Welterschaffer, wurde als Kind von ihr getragen, erneuerte Adam, heiligte Eva, vertrieb den Drachen, öffnete das Paradies, ohne das Siegel ihres Leibes zu verletzen« (Hom. 5,1).
Marias Würde entsteht aus der Würde des Sohnes (Analogie-Gesetz). H. kommt dem Gedanken der UE nahe (vgl. DThC VII 910 f.), wenn er in bezug auf Ps 132,8 schreibt: »Diese > Arche < ist zweifellos die Jungfrau, die Gottesmutter. Wenn du (Christus) die > Perle < bist, dann ist jene mit Recht die > Arche <. Wenn du > Sonne < genannt wirst, dann notwendigerweise die Jungfrau > Himmel <. Wenn du die > unverwelkliche Blume < bist, dann die Jungfrau eben die > Pflanzung der Unvergänglichkeit <, das > Paradies der Unsterblichkeit <«, da sie »von der Schuld der Eva und der Verschuldung des Adam befreite und die Verwegenheit der Schlange besiegte, die sie vom Ruß der Begierlichkeit (Konkupiszenz) nicht berührt wurde, die sie der Wurm der Lust nicht verletzte« (Hom. 5,3 f.). Du hast »den Tempel unverdorben und von allem Schmutz freigehalten, so dass der Vater bei dir wohnt, der Hl. Geist dich überschattet und der Eingeborene durch die Annahme des Fleisches aus dir geboren wird« (hom. 5,5). Die Jungfräulichkeit Marias meint eben nicht nur die körperl. Unberührtheit, sondern insbesondere auch ihr treues Anhängen an Gott und ihre Freiheit von allem Gottwidrigen.
Freilich schildert Hesychius Maria mit lebhaften Gefühlen: als Maria den Gruß des Engels vernahm, »blieb sie nicht ruhig in ihrem Herzen, sondern ... sprach wohl ungefähr folgendes zu Gabriel: Unerwartet und seltsam ist mir heute alles an dir. Wie darfst du es wagen, zu einer nicht verlobten Jungfrau hinzutreten und so unglaubliche Worte zu sprechen? ... Wie kann ich dir dieses Märchen glauben? Was antwortete nun wohl Gabriel der Zaudernden? ... : Der Hl. Geist wird über dich herabkommen etc. ... Weiter kann ich dir nichts mitteilen. Denn ich habe keinen Auftrag, o Jungfrau, dir die Art und Weise mitzuteilen; ich bin nur der Überbringer der frohen Botschaft. Staune mit mir über das Geheimnis und empfange die freudige Kunde ohne jedes Bedenken. Maria aber sprach: Siehe, ich bin eine Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort« (Hom. 6,2 f.). Zusammen mit den Jüngern Christi war Maria unter dem Kreuz innerlich erschüttert und im »Zwiespalt« (Simeon-Weissagung vom Schwert; vgl. Orig. hom. 17 in Lc.; Basilius, ep. 260,9; Cyrill. Alex. comm. in Io. 19,25 lib. 12): »Denn wenn sie auch Jungfrau war, so war sie doch eine Frau; wenn sie auch Gottesgebärerin war, so war sie doch aus unserem Stoff« (Hom. 1,8). Dies dürfte als sittliche Schwäche, nicht aber als Sünde zu bewerten sein.
Ausgaben: Clavis Patrum Graecorum, Nr. 6550-6591. – Alle Homilien bei M. Aubineau (Hg.), Les homélies festales d’H. de Jérusalem, 1978 (griech.-franz.). — Ch. Tscherakian (Hg.), Des H., des Priesters v. Jerusalem Job-Kommentar, Venedig 1913, 293-303 (armenisch, hom. 6). — Hom. 1 u. 5 sind auch georgisch erhalten: G. Garitte (Hg.), L’homélie géorgienne d’H. de Jérusalem sur l’hypapante, In: Muséon 84 (1971) 353-372 (georg.-lat. hom. 1). — Zur Mariologie s. auch Is- u. Ps-Glossen sowie Lev-Comm.Literatur: C. Passaglia, De immaculato Deiparae semper virginis conceptu 2, Neapel 1855, 437, Nr. 788. — Th. Livius, Die Allerseligste Jungfrau bei den Vätern der ersten sechs Jh.e, 2 Bde., Trier 1901/07. — K. Jüssen, Die dogm. Anschauungen des H. v. J. 1,1931, 37 f. — Ders., Die Mariol. des H. v. J., In: J. Auer u. H. Volk (Hg.), Theol. in Geschichte u. Gegenwart (FS M. Schmaus), 1957, 651-670. — D. del Fabbro, Le omelie mariane dei padri greci del V secolo, In: Mar. 8 (1946) 225 f. — RoschiniMariol 1126 f. — RoschiniDiz 148 (Lit.). — C. Balic, Testimonia de assumptione BVM ex omnibus saeculis I, 1948, 74 f. — M. Jugie, L’immaculée conception dans la tradition orientale, 1952, 87-89. — ASC X 62 f. – Virgolmmac VII/2, 143 f. — W. Delius (1963) 116 f. — R. S. Pittman, The marian homilies of H. of J. (Diss.), Washington D.C. 1974 (mit engl. Übersetzung der Hom.). — J. Reuss, Ein unbekannter Kommentar zum 1. Kap. des Lukas-Evangeliums, In: Bib. 58 (1977) 224-230. — L. Gladyszewski, Die Marienhomilien des H.v.J., In: Studia Patristica 17,1 (1982) 93-96. – DSp VII 399-408. – LThK2 V 308 f. – Bardenhewer IV 257-261. – Altaner 333 f. 618. — Nuovo Dizionario Patristico e di Antichità Cristiane 1, 1765.
