MARIENLEXIKON

Franz von Assisi – Franziskus

ML III (1989) 509-511 (Dr. Oktavian Schmucki OFMCap, Rom)

Franziskus / Franz v. Assisi, hl., * 1181/82 in Assisi, + 3.10.1226 ebd.

Maria im Leben des Franziskus: Geboren von Pica (Giovanna) in Abwesenheit des Vaters Pietro di Bernardone und mit dem Namen Giovanni (Battista) getauft, wird das Kind vom heimkehrenden Vater in „Francesco“ umbenannt. Nachdem F. in dürftiger Schulbildung Lesen u. Schreiben gelernt hat, arbeitet er im väterl. Tuchgeschäft und verlebt eine unbekümmert-leichtsinnige Jugend. Während der Kriegsgefangenschaft 1202/03 in Perugia zieht er sich eine schwere Krankheit zu, die 1205 einen langsamen Bekehrungsvorgang auslöst. Während desselben erneuert er u.a. die Portiunkulakapelle »Maria von den Engeln«, damals einsam an einem Wald der Ebene südwestlich von Assisi gelegen. Im marian. Heiligtum hört er 1208 das Aussendungs-Ev. mit den Erläuterungen des Zelebranten; dadurch klärt sich seine Berufung endgültig. Mit 11 Gefährten erlangt F. 1209 von Innozenz III. die mündliche Bestätigung der Urregel.
Um für die ortsunabhängige Gemeinschaft von Wanderpredigern eine Art Titelkirche und ein spirituelles Zentrum zu schaffen, erbat Franziskus um 1210 von den Benediktinern auf dem Monte Subasio das Gebrauchsrecht für die Portiunkula-Kapelle. Darin vollzog er im März 1212 die Einkleidung der hl. -> Klara. Seit ca. 1212 wurden an dieser Stätte zumeist die Pfingstkapitel abgehalten (Sehr. 195), bei denen er zusammen mit den Brüdern entscheidend zur Klärung des Ordenscharismas beitrug. Von Portiunkula brachen die Brüder zu Predigtwanderungen im In- u. Ausland auf. In der Niederlassung an der Kapelle weilte eine Gemeinschaft, deren Lebensform sich am eremitorischen Ideal orientierte (2 Celano 18 f.). Die dort betenden und büßenden Brüder sollten sein »wie ein Leuchter, der vor dem Thron Gottes und er sei. Jungfrau immer brennt und leuchtet« (Spec. perf. 55,41). Ziemlich früh anzusetzen ist die »Exhortatio ad laudem Dei«, die F. auf ein Antependium der Kapelle »Maria von den Engeln« in L’eremita bei Cesi geschrieben hat. Vers 4 gibt den Engelsgruß Lk 1,28 wieder (Op. 155). Dieser — mit dem Gruß Elisabeths (Lk 1,42) — prägt die litaneiartig erweiterte u. dreifach gegliederte »Salutatio BMV« (Op. 300). Wie bei der marian. Antiphon im »Officium Passionis« (Op. 193) kann die Entstehungszeit dieses Grußes nicht bestimmt werden. In ihnen sind zwei Zeugnisse mehrerer »besonderer Lobpreisungen« erhalten, die F. an Maria zu richten pflegte (2 Celano 198). Durch ihren Stellenwert im Zusatzoffizium und die mehrfache Wiederholung am Tag tritt die Antiphon hervor. Sie stammt wohl aus dem »Officium parvum BMV«, das F. täglich verrichtete (Op. 191). Für die Antiphon formte er einen wohl zum Urbestand des Assumpta-Offizium gehörenden Text persönlich um. »Sitz im Leben« beider Mariengebete ist die Portiunkula, für die er 1216 von Honorius III. als Gedächtnis der Weihe am 2.8.1215 einen besonderen hohen Ablass erwirkte. Vor diesem Hintergrund erhält die Aussage, F. habe Maria zur »Advocta«, zur »Schutzherrin« des Ordens bestellt (2 Celano 198) Glaubwürdigkeit, auch wenn in den Regeln jeder Hinweis auf diesen Akt fehlt.
Da Franziskus mit der Teilnahme am 5. Kreuzzug 1219/20 mindestens geographisch nahe beim Hl. Land geweilt hat, reifte in ihm der Entschluss zum mimisch-mystischen Krippenbesuch von Greccio 1223 (1 Celano 84-87). »An die arme Jungfrau, die an diesem Tag bitterste Not litt, dachte er nicht ohne Tränen« (2 Celano 200; vgl. Sehr. 157). Bruder Leo bezeugt, dass F. 1224 auf La Verna »zu Ehren der seligen Jungfrau Maria … ein 40-tägiges Fasten« beobachtet habe, währenddessen er mit den Wundmalen ausgezeichnet wurde (Sehr. 210 f.). Während der letzten Krankheit will F. eilends vom Bischofspalast Asissis »nach S. Maria von Portiunkula« gebracht werden. »Er wollte … dort seine Seele Gott zurückgeben, wo er … zuerst den Weg der Wahrheit voll und ganz erkannt« hatte (1 Celano 108). Hier diktiert er das »Vermächtnis für die hl. Klara«, worin er die „Armen Frauen“ dringlich mahnt, in der Nachfolge »der Armut unseres höchsten Herrn Jesus Christus und seiner heiligsten Mutter« zu verharren (Sehr. 221). In einem vor kurzen entdeckten altital. »Mahnlied« verheißt er den Schwestern, die geduldig ihre Krankheiten ertragen oder die kranke Mitschwestern hingebend pflegen, dass »jede gekrönt wird im Himmel als Königin — mit Maria der Jungfrau« (CFr 48, 1978, 17f.; Sehr. 138). In einer Zelle neben dem Marienheiligtum starb F. am Samstagabend des 3.10.1226.

Marianische Lehre: Auch wenn Franz von Assisi kein scholastischer Theologe, sondern Mystiker war, überrascht der theol. ausgewogene Charakter seiner Marienlehre. Im Brennpunkt steht sein Glaube an die GMschaft, den er in Anlehnung an bibl. u. liturg. Texte ohne theol. Mängel und in einer Reihe poet. Abwandlungen aussagt. Besonders kennzeichnend ist folgendes Zeugnis: »Dieses Wort des Vaters, so … glorreich, hat der allerhöchste Vater im Himmel durch seinen hl. Engel Gabriel in den Schoß der heiligen und glorreichen Jungfrau gesandt. Aus ihrem Schoß hat er das wirkliche Fleisch unserer Menschlichkeit und Gebrechlichkeit angenommen. Und er wollte, > obwohl er reich war< (2 Kor 8,9) über alle Maßen, selber in der Welt mit der seligsten Jungfrau Maria, seiner Mutter, die Armut erwählen« (Sehr. 60). Mit der Theologie des 12. Jh.s hat F. die Hervorhebung der Transzendenz des präexistenten Verbums gemeinsam. Wider den Spiritualismus der -> Katharer betont er die körperliche Wirklichkeit der Inkarnation. Volksfromme Vorstellungen und vielleicht apokryphe bibl. Schriften wirken in der Aussage von der Bettelarmut Mariens nach (vgl. Sehr. 187). Den Vorgang der Menschwerdung in Mariens Schoß vergleicht F. mit der Weihe einer Kirche (Op. 300). Er hebt sodann die bes. Beziehungen Mariens zur Trinität ans Licht, indem er sie »Tochter und Magd des allerhöchsten Königs, des himmlischen Vaters, Mutter unseres heiligsten Herrn Jesus Christus und Braut des Hl. Geistes« (Op. 193) heißt. So ausdrücklich scheint der Titel: »Braut des Hl. Geistes« vor F. noch nicht nachgewiesen. Die GMschaft selber entspricht einer bes. göttlichen Berufung und bedingt, dass in Maria »die ganze Fülle der Gnade und alles Gute« war und noch ist (Op. 300). Doch fehlen Hinweise dafür, dass F. die UE Mariens erahnt hätte. Mit Hingebung preist er sie als »glorreiche, allerseligste, immerwährende Jungfrau« (Sehr. 201). Das Fest der leiblichen Aufnahme Mariens begeht er mit inniger Freude, zumal es Titel der Portiunkula war, aber es fehlen nähere Aussagen zum Geheimnis. Immerhin schaut Franziskus Maria zusammen »mit… Michael und allen Mächten der Himmel und allen Heiligen« (Sehr. 142). Für Maria, die F. ausdrücklich als »Herrin, hl. Königin« (Op. 300) preist, anerkennt er die einzigartige Verehrungswürdigkeit wegen ihrer GMschaft (Sehr. 91). Öfter bittet er Maria, »bei deinem heiligsten geliebten Sohn, Herrn und Meister« Fürbitte einzulegen (Op. 193). Einer patrist. Typologie folgend, nennt er Maria »virgo ecclesia facta« (Op. 300). Als Urbild der Kirche sei sie zugleich Vorbild für alle Christen, namentlich in der »königlichen« Tugend der Armut, die »am König und an der Königin so glänzend erstrahlte« (2 Celano 200). Darum »sah er in jedem Armen einen Sohn der armen Herrin« (ebd. Nr. 83; s. auch 85). Umfassend ist der Vorbildcharakter in der »Epistola ad fideles II« (Op. 122f.) ausgesagt. In Anschluss an Mt 12,46-50 werden Christen, die die ev. Buße ernsthaft zu verwirklichen trachten, »Bräutigame, Brüder und Mütter unseres Herrn Jesus Christus«. Wir werden zu Müttern des »Bruders und Sohnes« Jesus Christus, »wenn wir ihn in unserem Herzen und Leib durch die Liebe und das reine und aufrichtige Gewissen tragen; wir gebären durch hl. Handlung, die anderen zum Beispiel leuchten muß« (123). Das Bild, von patristisch-ma. Texten beeinflusst, verrät die Innigkeit des Selbsterlebten.
Aus den vorausgehenden Andeutungen ergibt sich, dass Maria aus dem Leben des Franziskus nicht wegzudenken ist. Vorherrschend im Marienlob drückt sich seine Lehre aus, die wesentlich die Auffassungen der damaligen Kirche, wenngleich mit persönl. Akzentuierungen, widerspiegelt. Besonders bemerkenswert ist, dass er Maria nie von der Heilsgeschichte ablöst, sondern sie überall engstens mit Jesus Christus verknüpft.

WW: Op. = Opuscula S. Patris Francisci Assisiensis ..ed. C. Eßer, 1978. — Ders., Die Opuscula des hl. Franz von A., 1976. — „Sehr.“ = Die Schriften des hl. F. von Assisi, ed. L. Hardick— E. Grau, 8/1984. — „1-2 Celano“ = Thomas de Celano, Vita prima/secunda S. Francisci, In: AFranc 10 (1926-41) 1-117. 127-268; dt.: Leben u. Wunder des hl. Franz von A., Einführung u. Übers. von E. Grau, 3/1980. — Spec. perf. = Le Speculum perfectionis …, ed. P. Sabatier, 2/1928. – Dieter Berg (Hg.), Franziskus v. Assisi – Sämtliche Schriften (lat.-dt.), Stuttgart 2014.

Literatur: K. Eßer, Die Marienfrömmigkeit des hl. Franz von A., In: WiWei 17 (1954) 176-190. — O. Schmucki, De Seraphici P. Francisci habitudine erga BVM, In: Regina Immaculata (ed. Melchior de Pobladura), 1955, 15-47. — I. Pyfferoen u. O. van Asseldonk, Maria Santissima e lo Spirito Santo in San Francesco d‘Assisi, In: Laur. 14 (1975) 446-474. — S. da Campagnola, Francesco d‘Assisi nei suoi scritti e nelle sue biographie dei sc. XIII-XIV, 1981. — L. Di Fonzo, Per la cronologia di S. Francesco, In: MF 82 (1982) 1-115. — R. Rusconi, Dal sepolcro di Francesco all’indulgenza della Porziuncola, In: Francesco dAssisi. Storia e arte, 1982, 159-164. — P. de Anasagasti, Principios teologicos de la piedad mariana de San Francisco de Asis, In: EstMar 48 (1984) 389-417. — L. Lehmann, Tiefe u. Weite. Der universale Grundzug in den Gebeten des Franz von A., 1984, bes. 59-76. 99-119 (Lit.). – O. Schmucki, Zur Mystik des hl. F. v. A. im Lichte seiner »Schriften«, In: K. Ruh (Hg.), Abendl. Mystik im MA 1986, 186-209, bes. 196 f. – CFr-BgF 212. – CFr-BgF 12 (1958-63) Nr. 455 f.; 13 (1964-73) Nr. 691-693; 14 (1924-80) Nr. 1030-39. – LCI VI 260-315. — Dizionario francescano – Spiritualitá, 1983, 931-952 (Maria), 1335-1354 (Porziuncola) (Lit.). – DIP IV 513-527 (Lit.).

Literatur-Ergänzung: Beda Kleinschmidt OFMCap, Maria und Franz von Assisi in Kunst u. Geschichte, Düsseldorf 1926. – – Bonifatius Strack OFMCap, Franziskus u. Maria. Die Marienverehrung des hl. Franz von Assisi, Augsburg nach 1981. – BBKL II (1990) Sp. 95-101 (Fr. W. Bautz).– Johannes Schneider, „Virgo ecclesia facta“ : die Gegenwart Marias auf dem Kreuzbild von San Damiano u. im „Officium passionis“ des hl. Franziskus v. Assisi, St. Ottilien 1998 (Diss.). – Gottfried Egger, Maria und die Franziskaner. Maria im Leben des hl. Franz v. Assisi u. in der franziskan. Familie, Jestetten 2010 (A. Dittrich 2026).

ML-Abschnitte „II. Orden und rel. Gemeinschaften der Franziskaner“ (J. Lang / L. M. Hager / Sr. M. Veritas u. H. M. Köster) siehe: Marienlexikon II, 511 ff. „III. Ikonographie“ (R. Wedl-Bruognolo /S. Dworak): ML II, 513 ff.