Birgitta von Schweden (hl. Ordensgründerin)
Dreiteiliger Artikel im Marienlexikon, Bd. 1 (1988) 489-492 (mit Ergänzungen, 2026)
I. Biographie (Ferdinand Holböck), II. Werke (Ulrich Montag u. Tore Nyberg), III. Ikonographie (Gunnel Wentzel)
Birgitta von Schweden: Heilige, Mystikerin, Ordensgründerin, Patronin Europas.
I. Leben. * 1303 als Tochter des Birger Persson (Lagman, Landvogt, Landrichter der schwed. Provinz Uppland) in Finsta bei Skederik, gestorben am 23.7.1373 in Rom, begraben in Vadstena.
Birgitta vermählte sich 1316 mit Ulf (Wulf, Wolf) Gudmarsson, Sohn des Lagman von Västergötland Gudmar Magnusson. In Ulvasa am Boren-See führten sie und Ulf 28 Jahre lang eine glückliche Ehe, die mit 8 Kindern gesegnet wurde: Marta, Karl, Birger, Bengt, Gudmar, Karin (= hl. Katharina v. Schweden, + 1381), Ingeborg (+ 1350 im Ruf der Heiligkeit als Zisterzienserin im Kloster Risaberg) und Cäcilia.
Birgitta u. Ulf verehrten die GM sehr, beteten täglich zusammen das Kl. Marian. Officium, das Laienbrevier von damals, erzogen ihre Kinder zu Marienkindern gemäß einem Auftrag der B. erschienen GM: »Sorge, daß diese deine Kinder auch meine Kinder werden!« (vgl. SRSMA III 192). Sogar von ihrem Sorgenkind, dem leichtsinnigen Karl (+ 1372 in Neapel), heißt es in der Chronik der Äbtissin Margareta v. Vadstena (+ 1486), er habe eine bes. innige Liebe zur jungfräul. GM gehabt und oft gesagt, »er wolle lieber ewig in der Hölle schmachten als zuzulassen, daß Maria etwas von ihrer Ehre geraubt werde« (vgl. ebd. 211).
Anlässlich ihrer Silberhochzeit machten Birgitta u. Ulf 1341 eine Wallfahrt nach Santiago de Compostela. Auf dieser Pilgerfahrt wurde die Marienliebe beider noch verstärkt durch den Besuch des hl. Köln, der marian. Gnadenstätte Saragossa u. der Gründungsstätte des betont marian. Zisterzienserordens, Cîteaux in Burgund. Nach der Heimkehr wurde Ulf in Alvastra Zisterzienser; er starb aber noch vor Vollendung seines Noviziates am 12.2.1344 in Gegenwart B.s und wird von den Zisterziensern als Seliger verehrt. Im »Menologium Cisterciense« heißt es von ihm u.a., dass er, »von einer wunderbaren Liebe zu GM getragen«, in Alvastra gestorben sei (vgl. ASS 52,402). Nach dem Tod Ulfs lebte Birgitta einige Jahre im Gästehaus des Klosters Alvastra. In dieser Zeit empfing B. häufig als »Braut u. Sprachrohr Gottes« Offenbarungen, die für die ganze Christenheit bestimmt waren, doch auch Päpste u. Herrscher als Adressaten hatten; darunter eine im Frühjahr 1346 mit dem Auftrag zur Gründung eines neuen Ordens. Christus selbst erklärt: »Diesen Orden will ich zu Ehren Meiner liebreichen Mutter stiften.« Die Ordensregel wurde B. angeblich bis in die Einzelheiten hinein von Christus mitgeteilt, auch bzgl. der Leitung, dass die Äbtissin die Stelle Mariens auf Erden vertreten soll, wie diese nach seiner Himmelfahrt Oberhaupt der Apostel war. B. bewegte Magnus Eriksson, König v. Schweden u. Norwegen, dazu, ihr am 1.5.1346 den Königshof Vadstena testamentarisch für die Errichtung eines Klosters zu vermachen, in dem die »Regula Sancti Salvatoris« (s. u.) befolgt werden sollte. 1349 zog sie mit kl. Gefolge nach Rom, wo sie mit Ausnahme von Reisen, u.a. nach Neapel (1365-67) und in das Hl. Land (1372-73), bis zu ihrem Tode als Vorbild frommer Askese u. karitativen Handelns weilte. Sie wurde am 7.10.1391 von Bonifatius IX. heiliggesprochen.
Ferdinand Holböck
Ergänzung: Am 1. Okt. 1999 ernannte P. Joh. Paul II. neben Katharina von Siena und Edith Stein auch die hl. Birgitta von Schweden zur Patronin Europas, mit dem Hinweis, dass auch Skandinavien durch seine Christianisierung vor über eintausend Jahren in die europ. Völkerfamilie aufgenommen worden sei (A. Dittrich).
II. Werke. Die von Birgitta im Zustand der Ekstase zumeist von Christus, doch auch von Gott Vater, außerdem häufig von Maria u. Heiligen empfangenen etwa 700 Offenbarungen (Revelationes) sind uns fast ausschließlich in der lat. Übersetzung durch ihre Beichtväter Prior Peter Olofsson v. Alvastra und Magister Peter Olofsson v. Skänninge erhalten. Sie wurden zu sieben Büchern »Revelationes celestes« zusammengestellt, denen als Buch VIII in der Art eines Fürstenspiegels der »Liber celestis imperatoris ad reges« angefügt wurde. Außerhalb dieser Einteilung stehen die »Regula Sancti Salvatoris« als Grundlage des von B. gegründeten Erlöser- bzw. -> Birgittenordens, die vorwiegend die Ordensregel ergänzenden »Revelationes extravagantes«, der »Sermo angelicus de excellentia Virginis« als Sammlung liturg. Lesungen für das Wochenoffizium der Birgittinerinnen, sowie »Quattuor orationes«.
Durch ihren rel. Gehalt und die dramatische Kraft ihres bilderreichen Ausdrucks sind die »Revelationes« das bedeutendste spätma. Literaturdenkmal Skandinaviens, das früh in fast alle Sprachen Europas übersetzt u. bes. in seinen von Maria handelnden Partien häufig exzerpiert wurde. Daneben erlangte B. den Ruf einer neuen Sibylla wegen ihrer prophet. Drohungen, die sich teilweise schon zu ihren Lebzeiten bewahrheitet hatten u. vielfach noch um ihr zugeschriebene Texte vermehrt wurden.
Maria nimmt in Birgittas myst. Erfahrungen über die Darstellungen von Christi Leben eine bedeutsame Stellung ein. Fast ein Fünftel der Offenbarungen empfängt sie von Maria als deren »Tochter«, in einem weiteren Zehntel bildet Maria inhaltlich die Mitte. Abgesehen von einigen Schwerpunkten, etwa in Buch III u. dem »Sermo angelicus«, durchzieht marian. Thematik gleichmäßig das gesamte Werk B.s. Dabei sind in den eingehenden Gesprächen Mariens mit Christus, die B. ihrer Schau gemäß aufzeichnet, Inspirationen aus dem -> Hohenlied deutlich fassbar.
In der marian. Empfindungswelt wird zum einen der bibl. Bericht ausführlich ergänzt, am einprägsamsten in der berühmten Vision von Christi Geburt (Buch VII, Kap. 21-24), die Birgitta 1372 in Betlehem hatte, durch welche deren bildl. Darstellung in der Kunst bald entscheidend verändert wurde. Auch in vielen anderen Offenbarungen sind Berichte über Maria mit Einzelheiten aus Christi Leben verbunden. So geht Maria in I,10 von der Schilderung ihrer Empfindungen, vor allem der Gottesliebe, bei dem überaus frohen Ereignis der -> Verkündigung in eine Vorausschau von Christi Leiden über. In III,8 bezeichnet Maria ihr Einverständnis in die Empfängnis Christi als Gehorsamkeit u. bekennt dann: »Et in eodem puncto verbum caro factum est in me, et dei filius factus est filius meus. Et sic ambo habebamus unum filium, qui utrumque deus est et homo, et ego similiter mater atque virgo.« Hier wie in anderen Offenbarungen, die das Leben der Hl. Familie u. den ird. Weg Christi aus der Sicht Maria schildern, zeigt sich starke Mütterlichkeit als Grundtenor des Geschauten u. Berichteten (z. B. VI,58 u. 59). Die Erlösung des Menschengeschlechtes ist dem Gottmenschen nur durch Leiden möglich u. fordert bei seiner Mutter tiefes Leid u. die intensive Teilnahme an der Passion ihres Sohnes heraus (I,35; III,30) und somit die Schilderung Mariens als »Schmerzensmutter«. Ihr Herz wurde beim Leiden u. Sterben Jesu ganz eins mit dem Herzen Jesu, so dass Maria zu B. sagen konnte: »… dolor eius erat dolor meus, quia cor eius erat cor meum« (Rev. I,35).
Dagegen tritt das Marienlob am deutlichsten in dem Birgitta in Rom von einem Engel diktierten »Sermo angelicus« hervor. Auf je drei Lesungen an jedem Tag der Woche verteilt wird Maria als vollkommenste Schöpfung gepriesen, die sogar ungeschaffen vor Gottes ewigem Angesicht stand u. der Schöpfung beiwohnte (Kap. 1-3, Sonntag; »O Maria, virgo purissima et fecundissima mater, hoc ipsum tu es! Sic namque et talis ab eterno divino aspectui increata astitisti … Talis utique coram Deo ante creacionem tuam increata assistebas, qualis postmodum effici meruisti, …« (Kap. 1). Marias Tugendreichtum wird im Zusammenhang mit der Schöpfung der Engel hervorgehoben (Kap. 4-6, Montag), das Vorauswissen der Propheten u. Patriarchen um Marias Geburt geschildert (Kap. 7-9, Dienstag), die Vorbildhaftigkeit der Ehe Joachims u. Annas dargelegt, durch die Marias Empfängnis, Geburt u. Kindheit geprägt wurden und in ihr die drei Tugenden der Jungfräulichkeit, der Demut u. des Gehorsams hervorwuchsen (Kap. 10-12, Mittwoch). Sodann werden Marias fromme Lebensweise u. die Menschwerdung Christi beschrieben (Kap. 13-15, Donnerstag), ihr Mitleiden mit Christi Passion betrachtet (Kap. 16-18, Freitag), und schließlich ihr Wirken nach Christi Himmelfahrt, ihr eigener Tod u. leibl. Aufnahme in den Himmel dargestellt (Kap. 19-21, Samstag). Viele dieser Gedanken kehren auch in »Oratio« 1 u. 4 wieder.
Die Mariologie der Revelationes zeigt Birgittas Kenntnis der Frömmigkeit u. Theologie ihrer Zeit. Die B. eigenen Züge sind noch nicht eingehend erforscht worden. An vielen Stellen in B.s Werk wird die UE Mariens vertreten, wie: »et ideo veritas est, quod ego concepta fui sine peccato original!« (VI,49; ebenso 5,13; 55), desgleichen die leibl. Aufnahme Mariens in den Himmel (I,9; VI,60-62; Sermo, vgl. oben); Maria ist GM, Christi Braut u. des ewigen Vaters Tochter u. unauflöslich mit dem dreieinigen Gott verbunden (VIII, 18), sie nimmt eine wichtige Stellung in Gottes Menschwerdung u. Erlösungswerk ein. Maria bezeichnet sogar ihre erbsündenfreie Empfängnis als Anfang der Erlösung: »Bene ergo aurea hora fuit conceptio mea: nam tune incepit principium salutis omnium, …« (VI, 55). Maria wird als Heilsmittlerin gesehen (I,50; IV, 19,86; VI,54; Extravagantes 50; Oratio 1); ihre Mittlerschaft wird u. a. im Bilde des Magnets erklärt. Wie dieser das Eisen anzieht, so zieht Maria die Herzen der Menschen zu Gott hin (vgl. Revel. III, 32). Sie hat bes. Anteil am Heilswerk durch ihre enge Verbindung mit ihrem Sohn (»… filius meus et ego redemimus mundum quasi cum uno corde …« I,35). Sie vermittelt der Kirche die Gnadenströme Christi (VI,74). Vielfältig variiert erscheint Maria in den Revelationes als Mutter der Barmherzigkeit (I, 9,31,42,50; III,32; IV,138 f.; VI, 20,117). Sie breitet ihren Schutzmantel um die Menschen (II,23; III,17; IV,7) – eine Vorstellung, die zur Verbreitung der Schutzmantelmadonna beitrug – und hilft ihnen, da Christus Marias Fürbitten erhört (I,16,50; IV, 23). Überaus eindrucksvoll erreicht dies Maria in großen Gerichtsszenen, in denen sie den Anspruch des Teufels auf die sündige Seele in Disputationen zugunsten des Angeklagten bestreitet (VI,39; VII, 13).
Besondere Beachtung verdient die Rolle Marias als ordnende u. die Klostergemeinschaft des Birgittenordens hütende Mutter. Der Orden wird Maria zu Ehren gegründet (Regula 1). Die Äbtissin gilt als Vertreterin der GM (Regula 14; Extravagantes 22), die auch durch die 13 Apostelaltäre der Klosterkirche (Extravagantes 34) als »caput et regina apostolorum« ausgewiesen ist (vgl. Sermo 19). Marias Vorbild bestimmt die Tageseinteilung der Nonnen (Regula 23) und sie verteidigt Vadstena gegen den Teufel (Extravagantes 24), verleiht das Privileg der Aussetzung des Altarsakramentes auf dem den Nonnen zugewiesenen Marienaltar der Klosterkirche (Extravagantes 22). Ulrich Montag / Tore Nyberg
Ausgaben:
Lat. Erstausgabe der »Revelationes«, Lübeck 1492. Folgedrucke: 1500,1517,1557,1606,1628,1680.
Krit. Gesamtausgabe „Sancta Birgitta“, 1956-2025? (The Royal Academy of Letters, History, and Antiquities, Uppsala/Stockholm):
Revelaciones extravagantes, ed. L. Hollman, 1956.
Revelaciones, Liber VII, ed. Birger Bergh, 1967.
Revelaciones, Lib. V, ed. Birger Bergh, 1971.
Revelaciones, Liber I, ed. C.-G. Undhagen, 1978.
Sermo angelicus – Regula Salvatoris, ed. S. Eklund, 1972 u. 1975.
Revelaciones. Liber VII, ed. Birger Bergh, 1991.
Revelaciones. Liber VII u. II, ed. Birger Bergh, 1997 u. 2001.
Revelaciones. Liber III, ed. A.-M. Jönsson, 1998.
Revelaciones, Liber IV u. VIII, ed. H. Aili, 1992 u. 2002.
Opera minora. Vol. I-II: Regula Salvatoris, ed. S. Eklund, 1975/72.
Opera minora. Vol. III: Quattuor oraciones, ed. S. Eklund, 1991.
Den heliga B. och den helige Petrus av Skänninge – Officium parvum beate Marie Virginis … utg. … av T. Lundén, 2 Bde., 1976.
Übersetzungen:
Leben u. Offenbarungen der hl. Brigitta, hg. von L. Clarus, 4 Bde., Regensburg 1856, 2/1888.
S. Stolpe, S. Huber u. R. Braun, Die Offenbarungen der heiligen Birgitta von Schweden, Frankfurt 1961 (265 S.).
Himml. Offenbarungen. Übertragen v. Helmhart Kanus-Credé, Allendorf an der Eder, Jahr 2000.
Zusätzliche Offenbarungen – Revelationes extravagantes. Übertragen v. H. Kanus-Credé, Allendorf 2003.
Literatur: DHGE X 722-727. – DSp I 1947-1956. – LThK I 799-808. – DIP I 1572-1578. – LexMA I 215-218. VL2 I 867-870. – E. Fogelklou, Birgitta, 1919, 3/1973; dt.: Die hl. B. v. Schweden, 1929. – T. Schmid, Birgitta och hennes uppenbarelser, 1940. – K. Adelsten, Licht aus dem Norden, 1951. – E. Gössmann 215 ff. – P. Damiani, La spiritualité di S. Brigida di Svezia, 1964. – U. Montag, Das Werk der hl. B. v. S. in oberdt. Überlieferung, 1968. – B. Klockars, B. och hennes värld, 1971. — G. M. Roschini, La madonna nella »rivelazioni di S. Brigida« nel sesto centenârio della sua morte, 1973. — A. Andersson, Guds-Moder och den heliga B., 1977. — F. Holböck, Gottes Nordlicht: die hl. B. v. S. u. ihre Offenbarungen, Stein am Rhein 1983. — E. zur Bonsen, C. Glees (Hgg.): Die Visionen der hl. Birgitta v. Schweden. Augsburg 1989. – Tore Nyberg, Birgitaa v. S. — die aktive Gottesschau, in: Frauenmystik im Mittelalter, 1985, 275-289. – A. J. Rössing, Studier i den heliga B.s spiritalitet (Diss.), Stockholm 1986. – H. Koch, Gud og menneske hos B., In: Dansk teologisk tidsskrift 50 (1987) 161-183. U. Montag/T. Nyberg
Ergänzung: Jörg-Peter Findeisen, Birgitta: Gottes Botin im mittelalterlichen Europa. Lahn Verlag, Limburg 2003. – Bernd-Ulrich Hergemöller, Magnus versus Birgitta: der Kampf der hl. Birgitta von Schweden gegen König Magnus Eriksson, Hamburg 2003. – Günther Schiwy, Birgitta v. Schweden. Mystikerin u. Visionärin des späten Mittelalters (Biographie), München 2003. – Lars Bergquist, Die hl. Birgitta im Spiegel ihrer Offenbarungen. Dt. v. Helga Zahn, Lindenberg 2011. – Fabian Wolf, Die Weihnachtsvision der Birgitta v. Schweden. Bildkunst u. Imagination im Wechselspiel, Regensburg 2018 (akt. Literatur!). – Birgittinischer Kalender. Tagesbetrachtungen aus den Offenbarungen der Birgitta v. Schweden. Aus dem Lat. neu übersetzt von Sr. Birgitta Buchinger (Vorwort G. Assenmacher, Nachwort von Prof. W. Liebhart), St. Ottilien 2022 (neuere Literatur!).
III. Ikonographie. Die hl. Birgitta wird als Ordensfrau oder in Witwentracht dargestellt; als Attribut hält sie oft ein Herz mit Kreuz oder einen Ring in der Hand. Auf Tafelbildern u. Holzschnitten erscheint sie stehend, kniend oder mit Buch und Schreibgerät an einem Pult sitzend, neben ihr oft Pilgerstab, -hut u. -tasche; über ihr Gottvater, Christus, Maria oder die hl. Anna Selbdritt. Sowohl auf Altarbildern wie auf Holzschnitten ist manchmal ein Engel an B.s Seite dargestellt, der als Symbol für die Inspiration des Sermo angelicus gelten kann (Im Prolog zum Sermo erscheint Christus B. und sagt: »Ego mittam tibi angelum meum qui lecturam legendam in monasterio tuo ad honorem Virginis matris mei tibi revelabit«). Die Krone, auf Holzschnitten häufig Atribut B.s, ist als ein Hinweis auf ihre Verwandtschaft mit dem schwed. Königshaus zu verstehen; weitere Attribute B.s sind Äbtissinnnenstab, Buch mit oder ohne Schreibgerät und Kreuz. Ikonographisch ungewöhnlich ist Tizians Halbfigurenbild im Prado von 1503/06: Birgitta, in Begleitung ihres Gemahls, als junge Frau in zeitgenöss. Tracht mit offenem Haar, bietet Maria ein Körbchen mit Blumen an, nach dem das Jesuskind greift.
Birgittas »Revelationes« und auch ihr »Sermo angelicus« hatten große Bedeutung für versch. Mariendarstellungen, bes. für die -> Geburt Christi. Sicher kannte B. die -> „Meditationes Vitae Christi“ und die „Vita Jesu Christi“ des -> Ludolf v. Sachsen, doch fügt sie in ihrer Schilderung (Rev. VII, c. 21) neue Einzelheiten hinzu: »Ich sah eine schwangere Jungfrau von großer Schönheit, angetan mit einem weißen Mantel und einer feinen Tunika, durch die ich ihr jungfräuliches Fleisch hell hindurchschimmern sah. Bei ihr war auch ein alter ehrwürdiger Mann, und sie hatten einen Ochsen und einen Esel bei sich. Nachdem sie in die Höhle eingetreten waren, band der Greis die Tiere an die Krippe an, ging hinaus und brachte der Jungfrau eine brennende Kerze. Er befestigte die Kerze an der Wand und ging fort, um bei der Geburt nicht anwesend zu sein. Die Jungfrau legte Schuhe und Mantel ab, nahm sich auch den Schleier vom Haupt und legte sie neben sich. So war sie nur mit der Tunika bekleidet; ihr schönes goldenes Haar fiel ihr lose über die Schultern … Als alles vorbereitet war, kniete die Jungfrau in großer Andacht betend nieder. Ihr Rücken war gegen die Krippe gewendet, ihr Antlitz aber gegen Osten zum Himmel erhoben. So, mit ausgestreckten Händen und zum Himmel gerichteten Blick, verharrte sie in Ekstase, versunken in Betrachtung u. göttl. Entzücken. Während sie so im Gebet war, sah ich, wie sich das Kind in ihrem Leibe bewegte, und plötzlich in einem einzigen Augenblick gebar sie den Sohn, von dem ein solch unsagbares Licht ausstrahlte, daß nicht einmal die Sonne damit zu vergleichen war … Sogleich sah ich jenes glorreiche Kind nackt und leuchtend auf der Erde liegen … Die Jungfrau neigte das Haupt, faltete die Hände und betete den Knaben mit großer Ehrfurcht an. Sie sprach zu ihm: Sei willkommen, mein Gott, mein Herr und mein Sohn …«.
Schon 1380, sieben Jahre nach dem Tod der Heiligen ist ein Fresko in der Kirche S. Antonio extra muros in Neapel bezeugt, auf dem die Geburt Jesu so dargestellt war, wie B. sie schildert (s. Uppsala univ. arskrift 1924/3,15). Das älteste erhaltene Beispiel scheint ein Fresko in S. Maria Novella in Florenz, Ende 14. Jh., zu sein: In der Geburtsgrotte kniet links Maria in weißem Kleid und mit herabhängendem Haar betend vor dem Kind, das in einer Strahlengloriole nackt auf der Erde liegt; rechts steht Joseph und hinter ihm kniet Birgitta; über der Grotte Gottvater, von Engeln umgeben. Dieser Typus des Geburtsbildes wird seit dem späten 14. Jh. beibehalten: Maria kniet im Gebet, Mantel u. Kopftuch abgelegt, die Haare gelöst; vor ihr das Kind; meist steht oder kniet rechts Joseph mit der Kerze, im Vordergrund fehlen selten die Schuhe Mariens (z.B. Tafel von Vanni Falconi, Anf. 15. Jh., Pisa Mus. Civico; Sano di Pietro, Rom Pinacoteca Vaticana; Triptychon v. Niccolo di Tommaso, Chicago Johnson Coll.). Deutschland übernimmt diese Art der Darstellung (um 1415/20: Tafel, Konstanz Rosgartenmuseum; Flügel eines Schnitzaltars, Lübeck Marienkirche; Sandsteinrelief, Magdeburg Dom; Holzschnitt, süddt. um 1480, Stuttgart Landesbibl.). In Schweden kommt dasselbe Motiv auf einem gestickten Altarantependium vom Anf. des 15. Jh.s vor, und zwar mit dem Spruchband: »Bene veneris fili mi, dominus meus et deus meus« (Lindköping Mus.). Auf Altären wird in Schweden die Geburt Jesu sehr detailliert geschildert. Die acht Tafeln eines Triptychons aus der Kirche zu Lye/Gotland (jetzt Stockholm Hist. Mus., evtl. Lübecker Arbeit 1430/50) sind mit Inschriften versehen, die jede Szene nach den Revelationes bezeichnen: Maria im Gebet; darüber: thronend, von Engeln umgeben; dann sieben Bilder aus der Geburtserzählung, im sechsten Bild ein sehr seltenes Motiv: Maria wickelt das Kind, Joseph kniet daneben. Am interessantesten ist wohl der große Schreinaltar in Vadstena (von J. Stenradt, 1459): Geschlossen zeigt er vier Bilder aus B.s Leben. Sie assistiert stehend der Geburtsszene, bei der das Kind, von Engeln angebetet, auf einem Wolkenbett auf dem Boden liegt. In Dänemark kommt die birgittinische Geburtsszene als Wandmalerei in der Kirche zu Tudse vor (Abb. bei M. Petersen, Kalkmalereier in Danske Kirke, Kopenhagen 1895, Pl. XXIII). Das früheste böhmische Beispiel ist eine Tafel um 1426 (Budweis Diöz.- Mus.).
Zu den mariol. Themen müssen auch die Offenbarungen Birgittas über die -> hl. Anna gerechnet werden. In Rev. VI, c. 105 erzählt B., wie ihr der Sakristan der Kirche S. Paolo fuori le mura in Rom Reliquien der hl. Anna schenkte und ihr beim Nachdenken darüber, wie sie diese am besten aufbewahren u. verehren könne, eine Erscheinung der hl. Anna zuteil wurde. Der Altar von Sollentuna (Stockholm Hist. Mus.), um 1475, zeigt B. an einem Pult sitzend, in einem Buch schreibend, auf dessen aufgeschlagenem Blatt »maria ihesus« zu lesen ist; vor ihr steht die hl. Anna, auf dem rechten Arm Maria, auf dem linken das Jesuskind haltend (vgl. -> Anna Selbdritt). Ein wahrscheinlich fläm. Altar (Frankfurt/M., Hist. Mus., aus dem Karmelitenkloster), um 1490, zeigt B. ebenfalls schreibend, links ein Engel, der sie inspiriert (»Über revelationum divinitus inspiratus«), oben die Erscheinung der hl. Anna mit Maria u. Jesusknaben im Schoß; im Vordergrund zwei junge Mädchen, in einem Buch lesend, wahrscheinlich Birgittas Töchter Cecilia u. Katharina.
Interessante Darstellungen finden sich auf dem Schreinaltar von Appuna bei Vadstena (jetzt Stockholm Hist. Mus.), um 1475-1500, von einen norddt. Maler: Geschlossen zeigt er vier Tafeln mit niederdt. Inschriften; die Szene des ersten Bildes bringt die Erscheinung des leidenden Christus, wie Maria ihn der hl. B. in den Offenbarungen schildert; B. kniet im Gebet vor ihm; auf seinem Spruchband steht: »Dochter su wo ik ghe plaget byn«. Auf dem 2. Bild ist die Berufung der B. dargestellt, die im Witwenkleid an einem Altar sitzt; links Vision Mariens mit dem Spruchband: »Dochter hebbe myn Kynt leyff« (= Kind lieb. Rev. I, c. 7 und 9); B. hat über dem Nimbus eine Krone, die hier zu ihrem Schmuck als Braut Christi gehört, und einen Stern.
Zweifellos hat der Sermo angelicus auch bei den Mariendarstellungen -> Grünewalds große Bedeutung. Sowohl bei dem Colmarer Weihnachtsbild wie bei der Stuppacher Madonna kann man viele Motive aus Birgittas MV ableiten, z.B. die Vase mit Lilien u. Rosen, die Bienenkörbe, vor allem der doppelte Regenbogen, mit dem Maria in den Offenbarungen sich selber vergleicht (Rev. XI, c. 12 u. II, c. 10). Auf dem Isenheimer Altar scheint die geheimnisvolle kniende Mädchengestalt unter dem Portalbogen mit der zweifachen Flammenkrone Grünewalds Auffassung von Buch VII, c. 12, darzustellen, dem Augenblick der Geburt. Die Flammenkrone könnte auf VI, c. 30 hinweisen (ähnlich eine Krone auf einem Altarbild aus Appuna, mit dem niederdt. Text: »we mach dussem fure vorbeden da it nycht utten ga« – Wer kann diesem Feuer verbieten, nach außen zu dringen?).
Literatur: BeisselMA 603 ff. – RDK I 750 ff. (Lit.). – Réau III. – H. Cornell, In: Uppsala universitets arskrift 1924/3. — Y. Hirjn, The sacred shrine, London 1912. — A. Lindblom, Den hl. B. uppenbarelser ill. i medeltids konsten, In: Ord och Bild 24 (1915). — I. Collijn, Nagra sällsynta B. träsnitt, In: Nord tidskrift f. bok och biblioteks väsen, 1927—1930. — O. Wieselgren, ebd. 1924. — T. Schmid, B. och hennes Uppenbarelser, 1940. — LCI V 400-403. G. Wentzel
Neuere Literatur:
H. Aili, J. Svanberg, Imagines Sanctae Birgittae. The Earliest Illuminated Manuscripts and Panel Paintings Related to the Revelations of St. Birgitta of Sweden, Stockholm 2003. – Anette Creutzburg, Die hl. Birgitta von Schweden. Bildl. Darstellungen u. theolog. Kontroversen im Vorfeld ihrer Kanonisation (1373–1391), Kiel 2011. – Fabian Wolf, Die Geburt Christi als Ereignisbild: Wechselbeziehungen zw. Bildtradition u. der Vision der hl. Birgitta von Schweden. In: J. Schulz u. a. (Hgg.): Das Bild als Ereignis (HF 38), Heidelberg 2012, S. 209-233. – Ders., Die Weihnachtsvision der Birgitta v. Schweden. Bildkunst u. Imagination im Wechselspiel, Regensburg 2018 (akt. Literatur!).
Links:
https://de.wikipedia.org/wiki/Birgitta_von_Schweden
https://www.birgitten-kloster.de (Bremen)
https://www.joerg-sieger.de/isenheim/brigitta/b_12.php
