Bildstock (Kleindenkmal)
Artikel „Bildstock“, Marienlexikon, Bd. 1, 483-85, von Margarete Baur-Heinhold (1988), mit neuer Literatur
Bildstöcke (Martersäulen, Martern, Marterln, Betsäulen) sind säulen- oder pfeilerförmige, häufig ornamental ausgestaltete, bisweilen auch mit Inschriften versehene Monumente aus Holz oder Stein, deren betontes Kopfteil (Tabernakel oder Bildstockhaupt) mit (rel.) Darstellungen in Plastik oder Malerei versehen ist. Sie finden sich nicht nur in den Teilen Deutschlands mit vorwiegend kath. Bevölkerung, sondern auch in Frankreich, Italien, Spanien, Österreich, in der Schweiz und in den böhm. Ländern. Die frühesten datierten Steine stammen aus dem 14. Jh.; aus den frühen Jh.n sind nur wenige B. auf uns gekommen. Die meisten Bildstöcke stehen in Franken (hauptsächlich aus dem 18. Jh.), wo sie landschaftsbestimmend sind wie in keiner anderen Gegend Europas.
I. Kunstgeschichte. Im 14. u. 15. Jh. wird auf der Hauptschauseite des betonten Kopfteils ausnahmslos die Kreuzigung dargestellt; von diesem gemarterten Christus stammt wohl auch die Bezeichung »Marterpilt«, »Marter«, »Martersäule«, »Marterl«. Viele Bildstöcke entstanden aus dem Sühnegedanken, und die Bitte um Erlösung kommt am sinnfälligsten zum Ausdruck in dem Bilde vom Erlösertode Christi. Auch die Pietà, die aber in diesen beiden Jh.n noch selten (z. B. auf den in Unterfranken erhaltenen B.n nur einmal) vorkommt, ist eigentlich ein »Marterpilt«. Der Gedanke an Leiden und Askese beherrscht auch noch die B. des 16. Jh.s. Bei weitem vorherrschend bleiben die Motive der Kreuzigung, des »Kreuzschlepper« (der Fall Christi unter dem Kreuz), der Geißelung, des Schmerzensmanns, der Passionswerkzeuge. Die Pietà wird nun häufiger; nur vereinzelt aber erscheint die GM nicht als schmerzensreiche, also nicht mit dem toten Sohn oder dem Schwert. Erst im Laufe des 17. Jh.s tritt — als Folge der Gegenreformation — Maria als Himmelskönigin auf Bildstöcken in Erscheinung. Im 18. Jh. ist dann die Kreuzigung auf der Hauptschauseite nicht mehr die Regel; sie tritt zurück gegenüber marian. Darstellungen. An erster Stelle stehen weiterhin Pietà-Bilder, zahlreich sind jedoch nun auch Darstellungen der Krönung Mariens und der Immaculata. Die Marienkrönung erreicht im ausgehenden -> Barock u. Rokoko eine Hochblüte. Stifterfiguren, die sich zahlreich finden, werden zumeist mit in die Darstellung einbezogen und knien als Adoranten bei der Krönung in gleicher Größe wie die Heiligen. In der Nähe von Wallfahrtsorten werden auf B.n häufig die betreffenden Gnaden- oder Wunderbilder dargestellt. Vereinzelt finden wir im 18. Jh. auch die Hl. Familie dargestellt, die Ausgießung des hl. Geistes, die hl. Anna-Selbdritt. Beliebt ist, wie auch später noch, das Maria-Hilf-Bild. Die Dreifaltigkeits- und -> Mariensäulen, die besonders seit der großen Schöpfung Fischers v. Erlach am Graben in Wien im südl. Deutschland u. in Österreich anzutreffen sind, gehören nicht eigentlich in die Reihe der B., beeinflussen aber in der Folgezeit die Ikonographie u. Form derselben. Auch im 19. Jh. entstehen noch B. in nicht geringer Anzahl. In Deutschland ist die Tradition am lebendigsten wiederum in Unterfranken; hier stehen auch die besten Vorbilder. Immer weiter entfernen sich diese Denksteine vom ursprünglichen Sinn der »Martersäulen«, vom Gedanken an Sünde u. Vergebung. Mariendarstellungen, die GM mit dem Kind, die Immaculata, die Krönung Mariae stehen im Vordergrund. Die Bildstöcke unserer Zeit beziehen sich oft auf einen Unglücksfall, sind »Marterln« (s.u.) längs der Autostraßen. Im Kopfteil zeigen sie häufig ein Bild der Verunglückten, seltener ein Kreuz und auch nur vereinzelt ein Madonnenbild. Die alten Steine werden in der Regel liebevoll erhalten.
II. Frömmigkeitsgeschichte. Die Frage nach der Herkunft des Bildstocks ist umstritten: Meinungen, dass Gestalt u. Gedanke aus dem german. Totenkult entstanden sei, dass der B. von der (aus Frankreich übernommenen) Totenleuchte abstamme, dass er sich aus dem Steinkreuz entwickelt habe, und andere stehen einander gegenüber. Da sich durch die Jahrtausende verfolgen lässt, wie zu allen Zeiten mehr oder weniger mit rel. Motiven ausgestaltete Steinzeichen aus rel. oder rechtl. Gründen gesetzt wurden, ist anzunehmen, dass die B. in einer langen Entwicklungsreihe stehen. Die Mehrzahl der B. sind Weihe- u. Opfergaben, die, wie auch die Inschriften ausweisen, vom 17. Jh. an zunehmend an Maria gerichtet werden. Mit dem Opfer sind meist Bitten verbunden: Gebete für die Armen Seelen, um Schutz vor Sturm u. Hagelschlag, Feuersbrunst oder Wassernot. Daneben gibt es B. als Dankopfer für die Verschonung von Pest u. Cholera, Errettung aus Lebens- u. Kriegsgefahr, Krankheit u. sonstigen Nöten. Als Devotionsgaben weisen sich auch die B. mit Stifterfiguren aus, die gelegentlich den Charakter eines Epitaphs annehmen. Epitaphcharakter haben auch die zur Erinnerung an einen tödl. Unfall für den Verunglückten an der Stätte des Unglücks errichteten B., für die in Oberbayern u. im Alpengebiet ausschließlich die Bezeichnung »Marterln« gebraucht wird. Sie bringen in Wort oder Bild den Hergang des Unfalls meist neben einem Bild rel. Inhalts, bitten um ein Gebet für den so unvorbereitet Abberufenen und sind zu gleich Mahnung u. Warnung für den Vorüber gehenden, das eigene Seelenheil zu bedenken. B. stehen auch längs der alten Wallfahrtswege und zeigen das Gnadenbild der betreffenden Wallfahrt, oft als Wegemarken u. Haltepunkte der Wallfahrer (und vermögen daher wertvolle Aufschlüsse über den Verlauf alter Pilgerwege und das frühere Einzugsgebiet der Wallfahrtsstätten zu geben). In mehr oder weniger reicher Form sind B. — besonders in Unterfranken — auch als Prozessionsaltar ausgebildet: Ein steinerner Tisch vor dem B. dient zum Abstellen der Monstranz bei Flurumgängen. Zu den Devotionsmalen zählen ebenso die an Stelle abgegangener Kirchen u. Friedhöfe errichteten B. Finden wir Bildstöcke. an Kreuzungen, auf Brücken u. an anderen Orten, die dem Volksglauben als »nicht geheuer« galten, so mag bei ihrer Errichtung die Absicht bestimmend gewesen sein, böse Geister abzuwehren. Um sehr viele B. haben sich Sagen gewoben. Manche der Steine werden auf hist. Ereignisse bezogen; ob mit Recht, wird nicht immer zu klären sein.
Mit Bildstöcken wurden mitunter Vorrechte wie Marktrechte u. Grenzen gekennzeichnet. Große Bedeutung hatten sie als Gerichtszeichen: »Frayselseul« u. »Malefizstein« bezeichneten das Recht der Freisgerichte. Einen »Mord-« oder »Sühnestein« mussten Mörder bis in das 16. Jh. als Buße dem Getöteten setzen, zu dessen Seelenheil. War über einen Verbrecher der Stab gebrochen, so hatte er auf dem Weg zur Richtstätte an der »Beichtenmarter« oder »Galgenfuhrmarter« noch Gelegenheit zur Beichte. Bei all diesen B. lässt sich vom 16. Jh. an eine Wendung zum Marianischen in Bild u. Inschrift beobachten. Die in den Inschriften der B. enthaltenen Aufforderungen zum Gebet, die rel. Bildinhalte (besonders bei Nachbildungen bekannter Gnadenbilder), die Anliegen der Errichtung (z. B. Dank für Erhörung eines besonderen Anliegens) und häufig auch der Standort (Plätze wunderbarer Begebenheiten, Schauplätze von Freveltaten, Stationen an Wallfahrts- oder Prozessionswegen) ließen zahlreiche Bildstöcke zu Stätten privater Andacht, volkstümlicher Kulte u. Brauchtümer (Votivkulte) werden (vgl. -> Bäume; Brunnen). Sie wurden dann meist zunächst mit schützenden Wänden umgeben oder zumindest mit einem Schutzdach versehen, also mit einer Feldkapelle (Heiligen-häuschen) überbaut. Aus solchen Anfängen heraus haben sich viele volkstümliche marian. Wallfahrtstätten entwickelt, deren Gnadenbilder dann in der Regel die Marienbilder der ursprünglichen Bildstöcke sind.
Literatur: Th. Möller, Sühne- u. Erinnerungsmale in Schleswig-Holstein, In: Nordelbingen, 1842, 89-169. — „Die Denkmalspflege“ Jg. 1900, 17 u. 95; 1901, 75-77; 1902, 7, 44 f.; 1903, 15; 1908, 122. – „Das Bayernland“ Jg. 1901, 392 f., 418 f.; 1912, 50 ff.; 1913, 42 f. — „Dt. Gaue“ – Zs. für Gesellschaftswiss. u. Landeskunde 1907, 1908, 1911, 1932, 1933, 1936, 1937. Sonderheft XXXIII: Zur Erforschung unserer Flurdenkmale. — K. Lind, Über Denksäulen, In: Mitteilungen zur christl. Kunst XVI, 15 ff. — M. Creutz, Die Rheinlande (Dt. Volkskunst III), 1924. — M. Walter, Der Bildstock im Bay. Odenwald, In: Bay. Heimatschutz (1930) 101 ff. — „Das Steinkreuz“: in: Mitteilungsbl. Verein Erforschung der Steinkreuze, 1933 ff. — RDKG II (1940) Sp.695-707 (Fr. Zöpfl). – J. Steidl, Die alten Steinkreuze in Böhmen u. dem Sudetengau, In: Unser Egerland, 1941. — J. Jungmann, Zum Wort »Marterle«, In: Volkskundliches aus Österreich u. Südtirol (FS für H. Wopfner), 1947, 107-111. — Franz Hula, Die Totenleuchten und Bildstöcke Österreichs, Wien 1948. — J. Weingartner, Tiroler Bildstöcke (= Österr. Volkskultur 4), Wien 1948. – Josef Dünninger, Bildstöcke in Franken, In: Bay. Jb. für Volkskunde (1952) 45-49. – Karl Kolb, Bildstöcke im Taubertal, 1952. — M. Baur-Heinhold, Bildstöcke in Bayern, In: Rheinisches Jb. für Volkskunde V (1954) 53-92. — HWDA. — H. Reuther, Die Bildstöcke des Landkreises Hildesheim-Marienburg, 1964. — H. Hopf, Studien zu den Bildstöcken in Franken insb. Im Stadtbereich u. Landkreis Würzburg, Volkach 1970. – J. Dünninger u. B. Schemmel, Bildstöcke u. Martern in Franken, Würzburg 1970. – K. Wieninger, „O Mensch bedenk die Ewigkeit“: Bildstöcke, Marterln, Votivbilder, Grabinschriften u. Haustafeln in Südtirol, Bozen 1976. – G. J. Meyer, K. Freckmann, Wegekreuze u. Bildstöcke in der Eifel, an der Mosel u. im Hunsrück, In: Rheinisch-westfäl. ZS für Volkskunde XXIII (1977) 226-278. – H. Mehl, Fränk. Bildstöcke in Rhön u. Grabfeld, 1978. — R. Worscheck, Bildstöcke. Wahrzeichen der Landschaft, Rosenheim 1981. — R. Schönwetter, Feldkreuze, Bildsäulen u. Feldkapellen, In: Jb Histor. Verein Dillingen 87 (1985) 247-290. – G. Besserer u. G. Schifferdecker, Bildstöcke, Kreuze u. Madonnen. Steinerne Zeugen der Volksfrömmigkeit. Hg. v. Heimat- u. Kulturverein Lauda. – N. Bub, Steinerne Zeugen des Glaubens – Bildstöcke im Fuldaer Land, Fulda 1991. – M. Brandstetter-Köran, Bildstöcke im Taubertal um Bad Mergentheim, Weikersheim u. Creglingen, Bergatreute 2000. – S. Popp, Bildstöcke im nördl. Landkreis Würzburg. Inventarisierung u. mentalitätsgeschichtl. Studien zu relig. Kleindenkmalen, Würzburg 2004 (Diss., online). – C. Gräter u. J. Lusin, „dem got genat“ – Steinkreuz u. Bildstock in Kunst u. Literatur. Würzburg 2008. – J. Breuer, Steinerne Bildstöcke u. Kreuze – Zeugnisse konfess. Erinnerungskultur als Aufgabe für die Denkmalpflege. In: „kleinDenkmale“ Baden-Württ. (Arbeitsheft 43, LA Denkmalpflege Stuttgart), Ostfildern 2021, S. 183-191.
Lit.-Ergänzung Mai 2026
Links:
Umfangreicher Artikel bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Bildstock
www.kleindenkmal.at
https://www.bildstockzentrum.de (Fränkisches Bildstockzentrum Egenhausen)
