Augustinus von Hippo (Kirchenvater)
Artikel aus: Marienlexikon Bd. 1 (1988) 294-298 von Cornelius P. Mayer OSA, in Überarbeitung des Art. von Friedrich Hofmann (HdbMk 1967).
Augustinus von Hippo, Kirchenvater, * 13.11.354 in Thagaste, † 28.8.430 in Hippo, äußert sich zu mariol. Themen meist unter apologetischem, vorzüglich antimanichäischem, antiarianischem u. antipelagianischem Aspekt. Darüber hinaus ist er an der Mariol. noch in Bezug auf das christl. Lebensideal der Jungfräulichkeit interessiert. Die Hauptmasse seiner Darlegungen findet sich neben den genannten apologet. Schriften in den Predigten zu Weihnachten u. zu den einschlägigen Perikopen. In der kirchl. Tradition ist er neben -> Cyprian hauptsächlich -> Ambrosius verpflichtet. So gut wie nirgends stützt er sich auf Apokryphen.
1. In seinen Angaben über das Leben Mariens folgt Augustinus streng der Hl. Schrift. Gegenüber den Manichäern betont er ihre davidische Abstammung. Unabhängig von der gesetzl. Vaterschaft Josephs insistiert A. auf der davidischen Herkunft Jesu auch über Maria selbst. Zur Begründung genügt ihm die Autorität der kanon. Schriften, die wie Röm 1,3 u. 2 Tim 2,8 die David-Abstammung Jesu klar verkündeten und somit auch jene Marias voraussetzten: »Er ist deshalb der Sohn Davids, weil er der Sohn Mariens ist«, heißt es bündig in Io.eu.tr. 8,9. Aufgrund ihrer Verwandtschaft mit Elisabeth aus dem Stamme Aarons schließt A. auf das priesterl. Geblüt Mariens (cons.eu. 1,5 u. 9; diu.qu. 61,2; qu.hept. 7,47; sermo 196,2). Im Blick auf Christi Inkarnation ist ihre stammesgeschichtl. Herkunft aus Adam u. Eva (c. Faust. 14,4; s. 362,16) über Juda (f. inuis. 5), über Abraham, Isaak u. Jakob (sermo Denis 24,10) insgesamt bedeutsam.
2. Klar bekennt Augustinus die fortdauernde Jungfrauenschaft Mariens: »Als Jungfrau empfing sie, als Jungfrau gebar sie, Jungfrau blieb sie immerdar« (s. 51,11,18; ähnlich cat. rud. 22,40).
a) In der jungfräul. Empfängnis erblickt A. eine verbindl. Glaubenswahrheit (Gn. litt. 9,16,30; trin. 8,5,7). Er verteidigt sie gegen die Manichäer (contra Faust. 30,6), gegen die Platoniker (civ. 10,29), gegen alle Ungläubige (s. 191,2). Aufschlussreich dazu sind allem voran die Weihnachtspredigten (ss. 184-196). Christi Sündenlosigkeit gründet in seiner einzigartigen Empfängnis: »Nicht durch Fleischeslust kam er in die Welt, seine Empfängnis erfolgte ohne eheliche Umarmung; vom Leib der Jungfrau empfing er nicht die Wunde, sondern das Heilmittel« (s. 294,11). Deshalb zeichnet sich seine menschl. Natur im Gegensatz zum »Sündenfleisch — caro peccati« aller durch »Fleisch ohne Sünde« aus, was er im Anschluss an Röm 8,3 mit »similitudo carnis peccati« wiedergibt (c. Faust. 16,15). Die Empfängnis geschah durch den Glauben Mariens: »Virgo Maria non concubuit et concepit, sed credidit et concepit« (s. 233,3,4). Bewirkt wurde diese Empfängnis von der Allmacht Gottes (ep. 137,2,8). Für ihre Möglichkeit sprechen nach A. die bibl. Berichte von der Erschaffung Adams u. Evas, ferner die vermeintlich ohne Geschlechtsverkehr erfolgende Fortpflanzung der Bienen (bono coniug. 2,2).
b) Nicht weniger verbindlich ist für Augustinus die Glaubenswahrheit der Jungfrauenschaft Mariens in der Geburt. Die Irrlehre -> Jovinians richtete sich u.a. auch gegen diese Glaubenswahrheit (haer. 82). Er bekämpft sie in den Schriften »De bono coniugali« u. »De sancta virginitate«. Schon den Manichäern gegenüber lehrte er, dass Maria »ihre leibliche Integrität bewahrte und gleichwohl Christus gebar« (c. Faust. 29,4). Und zwar hält A. an der fortdauernden Jungfräulichkeit Mariens in physiologisch-anatomischem Sinn fest: Sie gebar Christus »genitalibus integris« (s. 186,1). Zu dieser Auffassung bekennt sich auch das verbindl. Credo der Kirche: »Hätte eine solche Geburt die Unversehrtheit der Mutter zerstört, so wäre jener nicht mehr von einer Jungfrau geboren, und die ganze Kirche würde sich, was ferne sei, in ihrem Bekenntnis zu der Geburt aus der Jungfrau Maria im Irrtum befinden« (ench. 34). Bei der Begründung dieser kirchl. Lehre greift A. abermals auf Gottes Allmacht zurück. Im Brief 137 an Volusianus, einem kl. Kompendium der Mutterschaft Mariens, beantwortet er dessen Frage nach der Möglichkeit der Menschwerdung Christi so: »Die gleiche göttliche Kraft hat durch den unverletzten jungfräulichen Schoß der Mutter die Glieder des Kindes herausgeführt, die später die Glieder des Erwachsenen durch verschlossene Türen führte. Forscht man hier nach einem weiteren Grund, so bleibt nichts Wunderbares mehr übrig; fordert man zur Erklärung ein weiteres Beispiel, so verliert das Ereignis seine Besonderheit. Gestehen wir doch Gott zu, etwas vollbringen zu können, von dem wir gestehen, daß wir es nicht zu ergründen vermögen« (2,8).
c) Nach Augustinus ist die andauernde Jungfräulichkeit Mariens Bestandteil des Glaubens. Er verteidigt diese Lehre gegen die Häresie der Antidikomaritien und gegen Helvidius (haer. 56; 84). Ihre dauernde Unversehrtheit vergleicht er mit dem neuen Grab, in das Christi Leichnam nach der Abnahme vom Kreuz gelegt wurde (f. et symb. 5,11). Die Deutung der Brüder Jesu als Verwandte im weiteren Sinn setzt er bei seinen Hörern als bekannt voraus (Io. eu. tr. 28,3). Mehr als irgendein anderer der Väter begründet er die dauernde Jungfrauenschaft Mariens mit deren Jungfräulichkeitsgelübde, das er im Schriftwort Lk 1,34: »Wie soll dies geschehen, da ich keinen Mann erkenne«, bezeugt sieht. Weil die Juden dieses Ideal nicht kannten (virg. 4,4), setzt dieses Gelübde Gottes Initiative voraus; es ist ein Werk der Gnade: »Gott nahm das Gelübde der Jungfrau entgegen … Er empfing das von ihr, was er selbst ihr schenkte« (s. 291,5). Zu diesem Gelübde steht Marias Vermählung mit Joseph in keinem Gegensatz. Da die freiwillig übernommene Enthaltsamkeit die Ehe nicht aufhebt, sondern vertieft, besteht A. gegen den Vorwurf des Manichäers Faustus (c. Faust. 23,8) wie gegen den Pelagianer Julian (contra Iul. 5,12,46) auf der Wirklichkeit der Ehe Mariens mit Joseph. In ihr findet er alle drei Güter der Ehe: proles, fides, sacramentum erfüllt (nupt. et conc. 1,11,12 f.).
3. Die Gottesmutterschaft: Im Unterschied zu vielen christl. Schriftstellern vor ihm nennt Augustinus Maria so gut wie nie »mater dei« oder »dei genitrix« oder »deipara«. Er war sich der mögl. Missdeutung, als sei Maria Mutter der göttl. Natur Christi, bewusst. Sie war Mutter Christi, »Mutter seines Fleisches, Mutter seiner Menschheit« (Io. tu. tr. 8,9). Seine Wortwahl ist differenzierter u. exakter und trifft so das kirchl. Dogma: »Durch die Jungfrau wurde Gott Mensch« (s. 291,1); »jene gebar vom Hl. Geist Gottes Sohn, unseren Herrn« (s. 290,4); »der Menschheit nach ist Gott aus der Jungfrau geboren« (c. Max. 1,7). A. verteidigt Marias Mutterschaft vor allem gegen den Doketismus der Manichäer. Die wahre Menschheit Christi hat die wahre Mutterschaft Mariens zur Voraussetzung (agon. 22,24). Maria leistet für Christus all das, was Mütter für ihre Kinder leisten. Der einzige Unterschied liegt darin, dass bei der jungfräul. Empfängnis an die Stelle des männl. Prinzips die schöpferische Allmacht Gottes tritt (Gn. litt. 10,20,35 f.). Es ist der ewige Sohn Gottes, dessen Leib sie bereiten darf. An sich ist zwar die Menschwerdung ein Werk des dreieinigen Gottes (trin. 2,10,18), aber nach der Offenbarung wird sie dem Hl. Geist in bes. Weise zugeeignet (c. Max. 2,17,2). Gelegentlich bezeichnet A. den Logos selbst als das bewirkende Prinzip bei der Empfängnis u. Bildung seines Leibes (s. Frangip. 4,2; civ. 17,20; 18,46). Durch die Empfängnis u. Geburt ihres Sohnes tritt Maria in ein wirkliches Mutterverhältnis zum ewigen Sohn des Vaters; wird doch in ihrem Schoß die geheimnisvolle Vermählung des Logos mit der Menschheit vollzogen (s. 291,6). In diesem Sinne ist sie in Wahrheit Mutter Gottes. Er verweist häufig darauf, dass durch die Mutterschaft Mariens das weibl. Geschlecht geehrt und seines Anteils an der Erlösung versichert werde, nachdem Christus als Mann in die Welt eingetreten sei (vera rel. 16,30; s. 244,2; s. Denis 25,4).
4. Gnaden- u. Tugendausstattung Mariens: Paradigma der Prädestination ist Jesus, der Sohn Davids, dem Fleische nach (praed. sanct. 15,31; c. Iul. imp. 4,84). Zur Zahl der Prädestinierten zählt Augustinus expressis verbis Maria, die den Willen des Vaters erfüllte (ep. 243,9). Ihre einzigartige Begnadung manifestiert sich in der Verbindung der jungfräul. Unversehrtheit mit der mütterl. Fruchtbarkeit (virg. 6,6; s. 191,4). Wie sehr auch A. die Gnade der leibl. Mutterschaft zu würdigen weiß (sermo 291,6), so warnt er doch vor einer Überschätzung des bloß naturhaften Zusammenhangs. Denn höher als die leibliche steht die geistige Mutterschaft, von der Christus bei Mt 12,50 spricht. »So hätte auch Maria ihre Verwandtschaft als Mutter nichts genützt, hätte sie Christus nicht viel seliger im Herzen als im Leibe getragen« (virg. 3,3). Freilich war Maria Christus im Geiste mehr als irgendein anderer Mensch verbunden. Es bedeutete ihr mehr, »Jüngerin als Mutter Christi gewesen zu sein … Darum ist also auch Maria selig, weil sie das Wort Gottes hörte und bewahrte; mehr noch bewahrte sie die Wahrheit im Geiste als den Leib im Schoß. Die Wahrheit ist Christus, Fleisch ist Christus. Als Wahrheit ist Christus im Schoße Mariens. Mehr bedeutet es, daß er im Geiste ist, als daß er im Leibe getragen wird« (s. Denis 25,7). Unter den Tugenden Mariens betont A. ihren Glauben. Rhetorisch wirkungsvoll wird er dem Zweifel des Zacharias (s. 293,1), wie auch dem verderbl. Glauben Evas an die Schlange (pecc. mer. 1,28,56) gegenübergestellt. Marias Glaube geht der Empfängnis Christi voraus: »Zunächst ereignet sich der Glaube im Herzen der Jungfrau, dann erst folgt die Befruchtung im Schoß der Mutter« (s. 293,1). »Virgo Christum non carnaliter concupiscendo, sed spiritualiter credendo concepit« (en. Ps. 67,21). Und in vollendeter Prägnanz: »Fides in mente, Christus in ventre« (s. 196,1). Zum Glauben gehört der Gehorsam. »Das rühmte der Herr an ihr, daß sie den Willen des Vaters erfüllte, und nicht daß das Fleisch Fleisch gebar« (Io. eu. tr. 10,3). Weiter preist er Marias Demut u. Bescheidenheit, kraft derer sie sich Joseph unterordnete (s. 51,11,18). Unermüdlich ist er im Lob ihrer Keuschheit u. Unberührtheit (s. 196,2; 343,4,6; 350,3). Das christl. Jungfräulichkeitsideal gründet im möglichst engen Christusbezug. Darin ist Maria Ursprung (s. 51,16,26) und Vorbild: »Es besteht somit für die gottgeweihten Jungfrauen kein Grund, sich darüber zu betrüben, daß nicht auch sie bei Bewahrung der Jungfräulichkeit dem Fleisch nach Mutter werden können; denn ihn allein könnte Jungfräulichkeit in geziemender Weise gebären, der in seiner Geburt nicht seinesgleichen fand. Aber die Geburt aus der einen heiligen Jungfrau gereicht allen heiligen Jungfrauen zum Ruhme. Mit Maria sind auch die Mütter Christi, wenn sie den Willen seines Vaters tun« (virg. 5,5).
5. Die Sündenfreiheit Marias:
a) Freiheit von jeder persönlichen Sünde: Im Anschluss an Ambrosius, aber mit noch größerer Klarheit u. Tiefe als dieser spricht Augustinus Maria die Freiheit von jeglicher Sünde aus freier Willensentscheidung zu. Entscheidend hierzu ist die später zwar nicht wiederholte, aber auch nie widerrufene Stelle aus »De natura et gratia« (36,42), wo er die Behauptung des Pelagius von der völligen Sündenlosigkeit vieler Frommer des AT u. NT zwar zurückweist, für Maria jedoch eine Ausnahme macht. Indem er die Glaubensüberzeugung der kath. Welt, auf die Pelagius sich für die Sündenlosigkeit Mariens beruft, zustimmend aufgreift, erklärt er: »Sehen wir also ab von der heiligen Jungfrau Maria, betreffs derer ich um der Ehre des Herrn willen überhaupt keine Frage gestellt haben will, wenn von Sünden gesprochen wird«. Die zitierte Stelle bezieht sich dem Zusammenhang nach ausschließlich auf die Freiheit von der persönlichen Sünde Mariens, wie dies schon die Mehrzahl der scholast. Theologen erkannt hat. Die gegenteilige, in der Neuzeit vertretene Meinung konnte sich nicht durchsetzen.
b) Die Behaftung Mariens mit der Erbsünde: Nach Augustinus erstreckt sich die Erbsünde ausnahmslos auf alle durch Geschlechtslust erzeugte Menschen. Einzig Christus ist davon ausgenommen: »Er allein ist ohne Sünde geboren worden, den die Jungfrau ohne männliche Umarmung nicht aus der Begierde des Fleisches, sondern aus dem Gehorsam des Geistes empfing. Sie allein vermochte für unsere Wunde das Heilmittel zu gebären, die nicht aus der Wunde der Sünde den gottgefälligen Sproß hervorbrachte« (pecc. mer. 1,29,57; nat. et gr. 42). Die für die Erbsündenlehre wichtige Unterscheidung zwischen der allen Adamskindern eigenen »caro peccati« und der nur Christus eigenen »similitudo carnis peccati« führt auch hier zur Klärung im Sinne des A. »Er allein also, der auch trotz des Menschwerdens Gott blieb, hatte nie eine Sünde, noch nahm er Sündenfleisch an, auch wenn er aus mütterlichem Sündenfleisch Mensch wurde« (pecc. mer. 2,24,38). Klar unterscheidet A. zwischen der Empfängnis Christi u. jener Mariens.: »Deshalb ist der Leib Christi, obzwar er aus dem Fleische der Frau, die selbst aus jener Abstammung des sündigen Fleisches empfangen worden war, angenommen wurde, dennoch, da er nicht von ihr empfangen worden ist, wie sie empfangen war, nicht Fleisch der Sünde, sondern bloß Ähnlichkeit des Fleisches der Sünde« (Gn. litt. 10,18,32; c. Iul. 5,15,52). So ist Maria Glied der verlorenen Adamsmenschheit. Sie entstammt der gleichen Erbmasse wie wir (s. Denis 5,5). Weil aus Adam, ist sie dessen Sünde wegen gestorben, während Christi Fleisch aus Maria deshalb starb, »um die Sünden zu tilgen« (en. Ps. 34; s. 2,3). Im Kontext dieser Aussagen ist auch die umstrittene Stelle in »Contra lulianum opus imperfectum« (4,122) zu deuten. A. weist dort den Vorwurf Julians, er würde Maria, indem er ihr die Erbsünde zuerkenne, dem Teufel überschreiben, mit der Erklärung zurück: »Wir überschreiben Maria wegen der Beschaffenheit ihrer Geburt nicht dem Teufel, und zwar deswegen nicht, weil diese Beschaffenheit aufgehoben wird durch die Gnade der Wiedergeburt.« In Wirklichkeit denkt A. hier ebenso wenig daran, Maria von der Allgemeinheit der Sünde auszunehmen. Im Unterschied zu Ambrosius ist ihm der Gedanke einer »praeredemptio«, einer Heiligung im Mutterschoße völlig fremd. Häufig erklärt er dagegen, dass niemand wiedergeboren werden könne, bevor er geboren sei (pecc. mer. 2,27,43), und dass die durch die Geburt zugezogene Erbsünde durch die Wiedergeburt aufgehoben werde, ohne auch nur einmal eine Ausnahme für Maria anzudeuten (c. Iul. imp. 2,218; 4,79; 4,108; 6,22).
6. Die heilsgeschichtliche Bedeutung Mariens:
a) Marias Rolle im Erlösungswerk: In Augustinus‘ theol. Denken dominiert der im Erlösungswerk Christi kulminierende Aspekt der Heilsgeschichte. Maria kommt dabei eine höchst bedeutsame Rolle zu, die er mit der aus der Überlieferung übernommenen -> Eva-Maria-Parallele illustriert: »Durch die Frau kam der Tod, durch die Frau auch das Leben« (s. 232,2; s. 289,2). Dem Glauben Evas an die Schlange entspricht der Glaube Marias an den Verkündigungsengel (pecc. mer. 1,28,56). Dennoch wird Maria nirgends »corredemptrix« genannt. Christus allein ist Mittler zwischen Gott u. den Menschen. Darum deutet A. auch Joh 19,26 f. stets nur auf die vorbildl. Sohnesliebe Christi, ohne einer miterlösenden Funktion Mariens Erwähnung zu tun (Io. eu. tr. 119,1; s. Io. eu. tr 218,10). Stellvertretung eignet Maria ebenso wenig wie Eva. Eine solche kommt allein Adam u. Christus zu: »Fundament des christlichen Glaubens ist einer und einer: der eine Mensch brachte den Ruin, der andere die Wiederherstellung« (s. 30,5).
b) Maria u. Kirche: Gerade als Jungfrau u. Mutter wird Maria bei A., der die kirchl. Tradition aufgreift u. vertieft, zum »typus ecclesiae«, zur vorbildl. Darstellung des geistigen Wesens der Kirche. Den theoret. Hintergrund seiner Überlegungen bildet die Lehre vom »totus Christus«, von der quasipersonalen Einheit zwischen Christus, dem Haupt, und der Kirche, dem Leib. Als Person gehört Maria ganz und gar zur Kirche. Weil sie aber das Haupt, Christus seiner Menschheit nach, gebar und dennoch Jungfrau blieb, nimmt sie der Kirche gegenüber eine deren Wesen verdeutlichende Aufgabe wahr. Wie Maria ist nämlich die Kirche Jungfrau u. Mutter zugleich. Als Jungfrau ist sie Christus bräutlich angetraut, als Mutter gebiert sie ihm immerfort in der Taufe Kinder (virg. 2,2; s. 191,2.3). Gewiss sind in der Kirche dem Leib nach nur wenige jungfräulich, dem Geiste nach jedoch, durch die Unversehrtheit des Glaubens, der Hoffnung u. der Liebe, kommt der Kirche dieser Vorzug in all ihren Gliedern zu (s. 188,3,4). Nach A. ist die Kirche wie Maria »Mutter Christi«; nur gebiert sie in leibhaftiger Weise die menschl. Gliedmaßen des Hauptes Christus, während die Kirche die Glieder des myst. Leibes Christi in geistiger Weise zur Welt bringt. So ist die Kirche »Mariae simillima« (s. Guelferb. 1,8; s. Denis 25,8; s. 192,2; 213,7). Lediglich als »typos« geht Maria der Kirche voran (s. Denis 25,8), als Person steht sie nicht über, sondern in der Kirche: »Heilig ist Maria und glückselig ist Maria, aber besser noch als die Jungfrau Maria ist die Kirche. Warum? Weil Maria lediglich ein Teil der Kirche ist, ein heiliges Glied, ein vortreffliches Glied, ein überragendes Glied, dennoch aber nur ein Glied des ganzen Leibes. Wenn des ganzen Leibes, so ist in der Tat der Leib mehr als ein Glied …« (s. Denis 25,7).
c) Die Art des Mitwirkens Mariens am Heil des Gläubigen: Nur als Glied der Kirche hat Maria an deren indirekter Heilstätigkeit Anteil, welche die Kirche sichtbar in der Spendung der Sakramente, speziell in der Taufe (s. 223,1), unsichtbar in der den Hl. Geist vermittelnden Liebeseinheit ihrer Heiligen insgesamt ausübt (s. 359,4; ep. 98,5). Von da aus versteht sich auch die Aussage, dass Maria die Mutter der Glieder Christi ist, »weil sie durch die Liebe mitgewirkt hat an der Geburt der Gläubigen in der Kirche« (virg. 6,6). Diese geistige Mütterlichkeit teilt Maria mit der Kirche als Leib Christi. Augustinus spricht sich nicht darüber aus, wie weit Marias Anteil an diesem mütterl. Wirken der Kirche reicht, ob er an Intensität den der anderen Glieder überragt oder nicht; ebenso wenig äußert er sich dazu, worin ihr »Mitwirken durch die Liebe« des Näheren besteht. Allein in Blick auf die Formulierungen »excellens membrum, supereminens membrum« wird man folgern dürfen, dass er zwar nicht die Art, wohl aber die Intensität ihres Mitwirkens am Heil von dem der übrigen Glieder des Leibes Christi abgehoben wissen wollte.
7. Bedeutung des Augustinus für die Mariologie: In seinem Werk finden sich im Gegensatz zum ausgeprägten Märtyrerkult kaum Hinweise auf einen Marienkult. Ebenso wenig findet man darin ein Gebet zu Maria. Offensichtlich kannte die nordafrikan. Kirche seiner Zeit, abgesehen vom Fest der Geburt Christi mit deren marian. Akzent, noch keine eigenen Marienfeste. Im Allgemeinen ist für die unentfaltete Mariol. des Augustinus eine strikte Ausrichtung am christol. Grundgeheimnis u. in Folge davon und für den Bischof typisch auch am Mysterium der Kirche charakteristisch. Ihr Hauptverdienst liegt in der allseitigen Würdigung der Jungfräulichkeit, der Mutterschaft des inkarnierten Gottessohnes sowie der persönl. Sündenlosigkeit Mariens. Das Spezifische seiner Marienfrömmigkeit zeigt sich im Lobpreis der Gnaden- u. Tugendausstattung Mariens, des überragenden Gliedes in der als Leib Christi verstandenen Kirche. (C. Mayer, 1988).
Erg. Zitat von Hugo Rahner SJ: Auch wenn bei Augustinus die restlose Eindeutigkeit hinsichtlich des Dogmas einer Immaculata conceptio fehle – „wurzelhaft ist doch schon alles vorhanden: die einzigartige Stellung Marias im Heilswerk als Mutter aller Lebendigen, als Besiegerin des Teufels, als völlig frei von aller persönlichen Sünde, als Mutter der Kirche“ (Sträter, Marienkunde I, 171).
Werke: Gesamtausgabe der Mauriner, 11 Bde., Paris 1679-1700 (vollständig). – PL 32-47, Paris 1844/49 (vollständig, unkritisch). – CSEL, Wien 1865 ff. (unvollst.). – BKV, 12 Bde., 1911-35 (dt. Üb.). – Œuvres de Saint A., hg. v. F. Cayré, 1936 ff. (1949 ff.2; lat. u. frz.). – CChrSL, 1954 ff. — „Hl. Jungfräulichkeit“, hg. v. I. M. Dietz, 1952 — J. Ruiz Pascal (Ed.), La santa virginidad. Sermones (Obrad y textos monásticos 1), Madrid 2009. – Opera-Werke. Hg. v. Joh. Brachtendorf, V. H. Drecoll u.a. (Augustinus-Zentrum, Tübingen): Dt.-lat. Gesamtausgaube in 130 Bdn., bislang 22 Bde. erschienen, Paderborn.
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Links: www.augustinus.de (Zentrum für Augustinus-Forschung, Würzburg)
www.augustinus-konkordanz.de
https://ixtheo.de/AuthorityRecord/133773795 (Zeitschriften-Beiträge, Index Theologicus, Tübingen)
AUGUSTINUS-Lexikon, 5 Bde. (Basel 1986-2024) – online: https://www.schwabeonline.ch/schwabe-xaveropp/elibrary/start.xav?start=%2F%2F%2A%5B%40attr_id%3D%27al_productpage%27%5D
Corpus Augustinianum Gissense (CAG 3) a Cornelio Mayer editum, Basel 2013, online: https://www.augustinus.de/projekte-des-zaf/corpus-aug-gissense
https://www.bibliotheca-augustiniana.de (Dt. Augustiner, Würzburg)
Literatur-Erg. Juni 2025, A. Dittrich.
