Aphrahat (altsyrischer Theologe)
Aphrahat, der persische Weise
Neu-Artikel von Hubert Alisade (vgl. Marienlexikon I, 1988, S. 54b–55a, G. Söll)
Aphrahat (persisch: Farhād; griech.: Αφραάτης), † nach 345. – Aphrahat ist der erste Theologe syr. Zunge, von dem ein umfangreiches theol. Werk überliefert ist. Dieses verschafft einen lebendigen Einblick in die konkreten Glaubensvorstellungen der persischen Christen des 4. Jhs. u. trägt in seinen Anschauungen über Jesus Christus u. Maria altertümliche, von westl. Lehrentwicklungen (v. a. Nizäa) gänzlich unbeeinflusste Züge.
Die einzigen konkreten chronolog. Anhaltspunkte in Bezug auf Aphrahats Leben sind in seinem theol. Werk enthalten, das den Titel „Unterweisungen“ (syr. taḥwyāthā; lat. demonstrationes) trägt u. aus 23 Teilen besteht. Die ersten zehn Unterweisungen wurden gemäß einer Schlussnotiz nach der zehnten Unterweisung i. J. 648 der Seleukiden-Ära, d. h. 336/37 n. Chr., fertiggestellt. Sieben Jahre später, i. J. 655 der Seleukidenära (343/44 n. Chr.) waren die Unterweisungen 11–22 vollendet und im folgenden Jahr (656 der Seleukidenära bzw. 345 n. Chr.) kam die letzte Unterweisung „Über die Beere“ dazu. Wenn man davon ausgeht, dass Aphrahat beim Verfassen seines Werkes bereits in reiferem Alter stand, muss für seine Geburt das späte dritte Jh. angesetzt werden. In der ältesten erhaltenen Hs. (London, British Library, Add. 17182), deren zwei Teile i. J. 474 respektive 510 n. Chr. geschrieben worden sind, wird der Verfasser der Unterweisungen als „der persische Weise“ bzw. „Mār Jakob, der persische Weise“ bezeichnet. In der jüngsten, 1364 n. Chr. geschriebenen Hs. (London, British Library, Or. 1017) dagegen erscheint, ebenso wie bei einer Reihe west- u. ostsyr. Schriftsteller des Mittelalters (Ḥassan bar Bahlul, Grigorios bar ʿEbroyo, Eliya bar Shinaya, ʿAbdishoʿ bar Brikha), der (persische) Name „Aphrahat“ bzw. „Farhād“. Der weiteren Angabe dieser Hs. jedoch, nach der Aphrahat Vorsteher (im Bischofsrang?) des berühmten Klosters Mor Mattai bei Mossul gewesen wäre, ist kein Vertrauen zu schenken, da es keine Belege für das Bestehen dieses Klosters bereits in der ersten Hälfte des 4. Jh.s gibt. Den Namen „Jakob“ für den Verfasser der Unterweisungen überliefern auch die armenische Übersetzung derselben sowie Gennadius v. Marseille, identifizieren ihn aber fälschlicherweise mit dem hl. Jakob v. Nisibis. Man darf aufgrund dieses Quellenbefundes mit guten Gründen annehmen, dass „Jakob“ der Mönchs- oder Bischofsname des Aphrahat war. Dass er ein ehelos lebender Asket (syr. bar kyāmā, dt. „Sohn des Bundes“) war, geht aus den Unterweisungen eindeutig hervor. Nicht mit letzter Sicherheit zu klären ist dagegen, ob er auch ein kirchliches Amt bekleidet hat. Selbst seine Inanspruchnahme der Bußvollmacht (ed. Parisot 1894, col. 636 syr.) zwingt nicht zu dieser Ansicht, da eine solche Inanspruchnahme durch Mönche in der frühen Kirche durchaus keine Seltenheit war. Auch die Region, in der Aphrahat gelebt u. gewirkt hat, lässt sich nicht präzise bestimmen, gewisse Indizien legen jedoch den westlichen Teil des Sassanidenreiches nahe.
Die Unterweisungen sind in einem sehr reinen Syrisch verfasst u. zeigen keinerlei Beeinflussung durch zeitgenöss. reichskirchliche theolog. Debatten. Auf Grundlage allein der Hl. Schrift u. in bisweilen fulminanter oriental. Bild- u. Symbolsprache legt Aphrahat den Glauben der Kirche seiner Zeit in Persien dar, ohne jedoch für alle seiner Anschauungen Wahrheit im strengen Sinne beanspruchen zu wollen. Manche seiner Lehren haben seit der Wiederentdeckung des syr. Originals der Unterweisungen im 19. Jh. besonders bei kath. Theologen Befremden erregt, wie etwa die Lehre v. Todesschlaf (die sich, wenngleich etwas anders nuanciert, in nicht minder radikaler Weise beim hl. Ephräm dem Syrer findet) u. die „Namenchristologie“, zu der sich gewisse Parallelen bei Justin dem Märtyrer u. in den pseudo-clementin. Recognitiones finden (s. Petersen 1992). Christus ist für Aphrahat „Gott“, doch lassen sich seine diesbzgl. Ausführungen mit der reichskirchlichen, philosophisch beeinflussten trinitätstheolog. Terminologie, wie sie auf dem Konzil v. Nizäa wirksam geworden ist, letztlich nicht harmonisieren u. könnten auf ein judenchristl. Entstehungsmilieu hindeuten.
Ebenso wie in der westl. Theologie der 1. H. des 4. Jh. ist bei Aphrahat eine systematische Mariologie weder vorhanden noch auch zu erwarten. Es gibt jedoch eine Reihe über sein gesamtes Œuvre verstreuter Stellen, die gewisse Aufschlüsse darüber geben, wie der syr. Theologe über Maria u. ihre Stellung innerhalb der Heilsgeschichte gedacht hat. In seiner Unterweisung „Über das Fasten“ (ed. Parisot 1894, col. 129 syr.) stellt Aphrahat Maria in eine Reihe mit dem Propheten Daniel, dessen Gebet nach vorherigem Fasten durch Vermittlung des Erzengels Gabriel von Gott erhört wurde (Dan 10, 2–3.12), u. Zacharias, dem Vater Johannes des Täufers, dessen Gebet derselbe Erzengel vor Gott gebracht hat (Lk 1,11). Gabriels Feststellung gegenüber Maria „Du hast Gnade gefunden vor Gott!“ (Lk 1,30) im Zuge der Ankündigung der Geburt Jesu deutet Aphrahat in der Folge so, dass auch in diesem Fall Fasten u. Gebet die Ursache (sicher verstanden im Sinne einer notwendigen, nicht aber hinreichenden Ursache) für Marias Begnadigung gewesen seien (ed. Parisot 1894, col. 132 syr.). Folglich könnte man seine Anschauung als eine Art von „Bewährungsmariologie“ bezeichnen. In derselben Richtung liegt eine schöne Stelle in der Unterweisung „Über die Demut“ (ed. Parisot 1894, col. 417, 420 syr.; Übers. Bruns 1991, S. 260): „Wegen ihrer Demut hat Maria empfangen: Denn als Gabriel der seligen Maria die Frohe Botschaft brachte, sprach er folgendermaßen zu ihr: „Friede dir, Gesegnete unter den Frauen“ (Lk 1,28). Den Frieden trug Gabriel u. brachte die gesegnete Frucht, u. das geliebte Kind wurde in Maria hineingesät. Sie aber pries u. rühmte den Herrn, der sein Wohlgefallen hatte an der Demut seiner Magd, aber nicht an den Erhabenen u, Stolzen. Der Höchste erhöht alle Demütigen (vgl. Lk 1,48.51f.). Siehe, mein Lieber, der Friede nahm seinen Lauf zu den Demütigen.“ An weiteren Stellen nennt Aphrahat Maria „Prophetin, Gebärerin des großen Propheten“ (ed. Parisot 1894, col. 657 syr.) u. hebt mit Nachdruck die jungfräuliche Empfängnis Jesu sowie dessen „Anziehen“ (Bekleidungsmetapher!) eines Leibes aus Maria hervor (ed. Parisot 1907, col. 64–65 syr.). Und schließlich wird noch in einem extrem misogyn klingenden Passus über die Paradiesessünde Evas, in dem die Frau als „Waffe Satans“ u. „seine Kithara … vom ersten Tag an“ (ed. Parisot 1894, col. 265 syr.; Übers. Bruns 1991, S. 192) bezeichnet wird, die heilsgeschichtl. Rolle Mariens hervorgehoben: „Nun, durch die Ankunft des Kindes der seligen Maria sind die Dornen herausgerissen, der Schweiß abgewischt, der Feigenbaum verflucht (Gen 3,19; Mt 21,19), der Staub zum Salz geworden (Mt 5,13), der Fluch ans Kreuz geheftet, die Schneide des Schwertes hinweggenommen vom Baum des Lebens …“ (ed. Parisot 1894, col. 265 syr.; Übers. Bruns 1991, S. 193).
Die mariolog. Aussagen Aphrahats ergeben gewiss kein abgerundetes Bild, zeigen aber deutlich, dass der philosophisch wie dogmatisch unvorbelastete „persische Weise“, auf dem Fundament der Hl. Schrift stehend, sehr hoch über Maria u. ihre Rolle in der Heilsgeschichte gedacht hat.
WW: (a) Syr.: Aphraatis Sapientis Persae Demonstrationes, ed. Ioannes Parisot, PO I.1. Parisiis 1894 (Demonstrationes I–XXII mit lat. Übers.), PO I.2, col. 1–150. Parisiis 1907 (Demonstratio XXIII mit lat. Übers.). – (b) Armenisch: La version arménienne des oeuvres d’Aphraate le Syrien, ed. Guy Lafontaine, CSCO 382–383, 405–406, 423–424 (= Scriptores Armeniaci 7–12). Louvain 1977–1980 (Demonstrationes I–XIX mit lat. Übers.; Zuschreibung an Jakob v. Nisibis). – (c) Äthiopisch: Enrico Cerulli, De resurrectione mortuorum. Opuscolo della chiesa etiopica del sec. XIV, in: Mélanges Eugène Tisserant. Vol. II: Orient Chrétien. Première partie. StT 232. Città del Vaticano 1964, S. 1–27, hier: S. 4–27 (T. v. Demonstratio VIII mit ital. Übers.; anonym). – Franciscus Maria Esteves Pereira, Jacobi, episcopi Nisibeni, Homilia de adventu regis Persarum adversus urbem Nisibis, in: Carl Bezold (Hrsg.), Orientalische Studien Theodor Nöldeke zum siebzigsten Geburtstag (2. März 1906) gewidmet von Freunden und Schülern. Bd. 2. Giessen 1906, S. 877–892 (Demonstratio V; Zuschreibung an Jakob v. Nisibis). – Ms. Addis Ababa, Private Library, EMML 7469, fol. 545v–558v (Demonstratio VI; Zuschreibung an Jakob v. Nisibis). – (d) Arabisch: Ms. Strasbourg, Bibliothèque Nationale et Universitaire, Or. 4226, fol. 199r–211r (Auszüge aus den Demonstrationes II-IV, VI, IX; Zuschreibung an Ephrem den Syrer; Editionen der Demonstrationes II, III und VI sind angegeben bei Pirtea 2022). – Ms. Sinai, St. Catherine’s Monastery, Arabic 514, fol. 120r–122v (Demonstrationes XII, XXII; fragmentarisch; Zuschreibung an den „persischen Weisen“). – (e) Übers. des syr. Textes in moderne Sprachen: Marie-Joseph Pierre, Aphraate le Sage Persan. Les Exposés. 2 Bde. SC 349, 359. Paris 1988–1989. – Peter Bruns, Aphrahat. Demonstrationes – Unterweisungen. 2 Bde. FC 5.1–2. Freiburg im Breisgau 1991. – Kuriakose Valavanolickal, Aphrahat. Demonstrations. 2 Bde. Mōrān ʾEthʾō 23–24. Kottayam 2005. – Adam Lehto, The Demonstrations of Aphrahat, the Persian Sage. Gorgias Eastern Christian Studies 27. Piscataway, NJ 2010. – Giovanni Lenzi, Afraate. Le esposizioni. 2 Bde. Brescia 2012.
Quellen: Gennadius v. Marseille, Liber de viris inlustribus, ed. Ernest Cushing Richardson, Hieronymus, Liber de viris inlustribus. Gennadius, Liber de viris inlustribus. TU 14.1. Leipzig 1896, S. 61–62 (Cap. I). – Georg der Araberbischof, Brief an den Presbyter Yešūʿ, ed. Jacobus Forget, De vita et scriptis Aphraatis, Sapientis Persae, dissertatio historico-theologica. Lovanii 1882, S. 8–55 (syr. mit. lat. Übers.; dt. Übers.: Victor Ryssel, Ein Brief Georgs, Bischofs der Araber, an den Presbyter Jesus, aus dem Syrischen übers. u. erläutert. Mit einer Einleitung über sein Leben u. seine Schriften. Gotha 1883, S. 35–89). – Grigorios bar ʿEbroyo (Barhebraeus), Gregorii Barhebraei Chronicon Ecclesiasticum, ed. Joannes Baptista Abbeloos, Thomas Josephus Lamy. t. I. Parisiis / Lovanii 1872, col. 85–86 (syr. mit lat. Übers.), t. III. Parisiis / Lovanii 1877, col. 33–34 (syr. mit lat. Übers.). – Ḥassan bar Bahlul, Lexicon syriacum auctore Hassano bar Bahlule e pluribus codicibus edidit et notulis instruxit Rubens Duval. t. I. Parisiis 1901 (syr. Titelblatt: 1888), Sp. 268 (syr.). – Eliya bar Shinaya, Eliae Metropolitae Nisibeni Opus Chronologicum. Pars prior, ed. E. W. Brooks, CSCO 62. Parisiis 1909, S. 15–16 (syr.). – ʿAbdishoʿ bar Brikha (Ebedjesu), Catalogus librorum omnium ecclesiasticorum, ed. Seth M. Stadel, The Catalogue of Books of ʿAbdishoʿ bar Brikha. Translated with an Introduction and Notes. Eastern Christian Texts 2. Leiden / Boston 2025, S. 135 (engl.), S. 234, Verszeilen 517–520 (syr.).
Literatur: Jacobus Forget, De vita et scriptis Aphraatis, Sapientis Persae, dissertatio historico-theologica. Lovanii 1882. – Paul Schwen, Afrahat. Seine Person u. sein Verständnis des Christentums. Ein Beitrag zur Geschichte der Kirche im Osten. Neue Studien zur Gesch. der Theol. u. der Kirche 2. Berlin 1907. – Anton Baumstark, Gesch. der syr. Lit. mit Ausschluß der christl.-palästinen. Texte. Bonn 1922, S. 30–31. – Bardenhewer IV, S. 327–340 (§ 67). – Ign. Ortiz de Urbina, Die Gottheit Christi bei Afrahat. OrChr(R) XXXI.1. Roma 1933. – Ders., La Mariologia nei Padri Siriaci, in: OrChrP 1 (1935) S. 100–111, hier: S. 102–103. – Ders., Lo sviluppo della Mariologia nella Patrologia Orientale, in: OrChrP 6 (1940) S. 40–82, hier: S. 52, 57. – Ders., Patrologia Syriaca. Altera editio emendata et aucta, Romae 1965, S. 46–51 (§ 13). – Ders., Die Marienkunde in der Patristik des Ostens, in: Sträter I, S. 85–118, hier: S. 96, 100–101. – Ders., Maria en la Patristica Siriaca, in: Scripta de Maria 1 (1978) S. 29–114. – Peter Bruns, Das Christusbild Aphrahats des Persischen Weisen. Hereditas 4. Bonn 1990. – Ders., Einleitung, in: Aphrahat. Unterweisungen. Erster T.bd. Aus dem Syrischen übers. u. eingeleitet v. Peter Bruns. FC 5.1. Freiburg / Basel / Wien 1991, 35–73. – William L. Petersen, The Christology of Afrahat, the Persian Sage: An Excursus on the 17th Demonstration, in: VigChr 46 (1992) S. 241–256. – Adam Lehto, Women in Aphrahat: Some Observations, in: Hugoye 4.2 (2001[2010]) S. 187–207. – Cornelia Horn, Frühsyr. Mariologie: Maria u. ihre Schwestern im Werk Aphrahats des Persischen Weisen, in: M. Tamcke u. A. Heinz (Hg.), Die Suryoye u. ihre Umwelt. 4.dt. Syrologen-Symposium in Trier 2004 (FS W. Hage; Studien zur Oriental. KG 36), Münster 2005, S. 313–332. – Dies., Ancient Syriac Sources on Mary’s Role as Intercessor, in: Leena Mari Peltomaa, Andreas Külzer, Pauline Allen (Hrsg.), Presbeia Theotokou. The Intercessory Role of Mary across Times and Places in Byzantium (4th-9th Century). Österr. Akademie der Wiss., Philos.-hist. Klasse, Denkschriften 481, Veröff. zur Byzanzforschung 39, Wien 2015, S. 153–175, hier: 154 f. – Stephanie K. Skoyles Jarkins, Aphrahat the Persian Sage and the Temple of God. A Study of Early Syriac Theological Anthropology. Gorgias Studies in Early Christianity and Patristics 36. Piscataway, NJ 2014. – Adrian C. Pirtea, New Homilies by Aphrahat in Arabic: Demonstrations XII („On Passover“) and XXII („On Death and the Endtimes“) in the Palimpsest Sinai Arab. 514, in: e-Sketikon / blog. Published 28/04/2022. Updated 30/04/2022. Retrieved May 29, 2025 from https://esketikon.hypotheses.org/255. – WWKL I, col. 1007–1008 (Franz Kaulen). – TRE I, S. 625–635 (Georg G. Blum). – ML I, S. 54–55 (G. Söll). – LThK3 I, col. 802–803 (P. Bruns). – RGG4 I, col. 138–139 (P. Bruns). – RAC Supplement-Bd. I, col. 497–506 (A. Vööbus). – Gorgias Encyclopedic Dictionary of the Syriac Heritage: Electronic Edition, https://gedsh.bethmardutho.org/entry/Aphrahat (Sebastian P. Brock).
Hubert Alisade (Januar 2026)
