MARIENLEXIKON

Affe (symbolisch)

Art. „Affe“, ML I (1988) 52 f. von Genoveva Nitz (überarbeitet: Mai 2024)

„Affe“. Die überwiegend negative Symbolik des Affen in der christl. Kunst ist nicht auf eine bibl. Quelle zurückzuführen. Das AT erwähnt einen A. in zwei Parallelberichten von den Reichtümern u. der Herrlichkeit König Salomos (1 Kön 10, 22 u. 2 Chr 9, 21), wo das Tier zu den exotischen und — zusammen mit Gold, Silber, Elfenbein u. Pfauen — begehrenswerten Importen zählte (Abb. Clark Fig.71, Paris, BN lat. 14429, f. 108). In Ägypten galt der „hundsköpfige“ Affe, der Pavian, als eine Erscheinungsform des Gottes Thot, des Schutzpatrons von Wissenschaft u. Erfindungen, der als Mondgottheit auch »Herr der Zeit« war; die Assoziation des Affen mit dem Mond u. der Zeitrechnung lebt im „Physiologus“ u. den mittelaltl. Bestiarien weiter. Durchgehend berichtet die antike Naturtradition (Plinius d. Ä., Solinus) über die Enzyklopädisten (Isidor v. Sevilla) bis in die Neuzeit (Conrad Gesner) von der ausgelassenen Freude der Affen bei zunehmendem Mond und von ihrer Melancholie, wenn der Mond abnimmt. Der -> Physiologus vermerkt ihr sonderbares Verhalten bei den Tag- u. Nachtgleichen. Die Quellen erzählen von der „Affenliebe“, die zum Verlust des liebsten Jungtiers führt: Die Äffin drückt es so fest an die Brust, dass es erstickt, während der ungeliebte Zwilling auf ihrem Rücken überlebt (s. Treu, Physiologus 94). Man berichtet von Affen mit versch. Aussehen u. Charakter (meist 5 Typen), mit u. ohne Schwanz. Interesse erwecken Nachahmungstrieb sowie Geschicklichkeit u. Gelehrigkeit der Affen. Auf Aristoteles’ Beschreibung nimmt noch Cesare Ripa explizit Bezug („Iconologia“, Venedig 1603), wo der Affe als Figur der Astutia u. Imitatio dient; er wiederholt bzgl. der fünf Sinne (449) die Zuordnung des A. zum Geschmackssinn: »Nos Aper auditu, Linx vistu, Simia gustu, Vultur odoratu, superat Aranea tactu« (RDK III Nr. 134).
Es waren gerade die menschenähnlichen Züge, die Gelehrigkeit u. Nachahmungsfähigkeit des A., welche die Herausbildung einer Negativsymbolik förderten. Dem Menschen erschien der A. wie eine pervertierte Nachahmung seiner selbst. Pseudoetymologisch wurde „simia“ (Affe) von „similitudo“ (Ähnlichkeit) abgeleitet; abfällige Simia-Metaphern gelten als Topos mittelaltl. Literatur. Anspielend Luzifers Anspruch, Gott ähnlich zu sein, schreibt Tertullian vom Teufel als »dem Affen Gottes« (vgl. Hammerstein 75). Der im „Physiologus“ tradierte Vergleich zwischen dem A. ohne Schwanz und dem Teufel, der kein Ende hat, wird im MA wiederholt elaboriert. Die -> Concordantia caritatis erwähnt den A. in Zusammenhang mit Beispielen der Streitigkeit u. arglistigen Rache (RDK III Nr. 134). In der mittelaltl. Kunst ist er Sinnbild des Bösen, besonders des Teufels, der Eitelkeit, Lust u. Trägheit (vgl. LCI I 78 ff.), der Welt u. der Sünde. Die häufige Figur des apfelessenden Affen spielt auf die Verführung zum Sündenfall hin: u.a. beim Maler Lukas Moser (Tiefenbronner Altar, 1431). Dichter Symbolgehalt verbindet sich mit präziser Naturbeobachtung in A. -> Dürers „Affentanz“ (1523); parodiert wird in dieser Zeichnung der groteske Moriskentanz – schon an sich mit dem Reigen der Laster sinnbildlich assoziiert – dem Tanz um Frau Welt bzw. Venus, die als Preis den Spiegel der Eitelkeit u. den Apfel der Versuchung zur Schau hochhält.
Die Darstellung des Affen, der in einen Apfel beißt, spielt auf den Sündenfall an, bzw. auf das daraus entstandene Leiden: so bei L. Krugs „Sündenfall“ (mit einem Affen unmittelbar zwischen Adam u. Eva; Kalksteinrelief 1514, Bode Museum Berlin); oder bei Israel van Meckenhams „Ecce homo“ (apfelessender Affe demonstrativ im Vordergrund der Leidensdarstellung, Kupferstich ca. 1480, Cosmè Tura, Pietà); beim Passionsgemälde „Affen im Apfelbaum“ (ca. 1460, Museo Correr, Vendig). Als Symbol des gefesselten Bösen findet sich auch ein kl. dunkler Affe beim erschlagenen Drachen im „Paradiesgärtlein“ eines oberrhein. Meisters (ca.1410, Städelsches Institut, Frankfurt). Die Figur des kauernden oder gefesselten Affen steht für den ungeläuterten Menschen, der in Sünde verstrickt ist oder im Unglauben verharrt. Abgewandt vom Gelehrten hockt ein Affe im Vordergrund des Tempels bei der Auffindung des zwölfjährigen Jesus in Dürers Altar der Sieben Schmerzen Marias (Dresden, Gemälde-Galerie). Die Antithese zwischen altem Gesetz u. neuer Verheißung drückt Jan van >Eyck durch ein asymmetr. Kirchenportal aus, das Maria bei der Szene der Verkündigung umrahmt: mit Kreuzblume am rechten Strebepfeiler, links eine niedrigere Konsole mit der geduckten Figur eines A., gleichsam entfernt vom Heilsgeschehen, gebannt in Stein (New York, Metropolitan Museum).
Positiver zur Verheißung erscheint die Figur eines Affen auf dem Betpult Marias im großen Verkündigungs-Triptychon, das um 1443-45 für die Kathedrale Saint Sauveur in Aix in Auftrag gegeben wurde: die kl. Affenfigur wird noch von einem Gnadenstrahl erreicht – die Zeit des Gebundenseins sub lege ist aufgehoben durch das Kommen des Erlösers, der als winziges Kind im Strahlenbündel oben sichtbar wird (Meister der Verkündigung von Aix; Triptychon-Fragmente in div. Museen; Mitteltafel mit Verkündigung in Aix, Église de la Madeleine).
Konrad von Megenbergs Bericht von zahmen Affen, die im Hause Junge geworfen haben, die sie jedem zeigen und streicheln lassen (Buch der Natur III, um 1348–50) geht auf Plinius zurück (Naturalis historia VIII, 216). Nach antiken Quellen (s. Toynbee 49 f.) wurden A., vornehmlich Meerkatzen, schon vor der röm. Kaiserzeit als Schoßtiere gehalten, geschätzt wegen ihrer Possierlichkeit u. Gelehrigkeit. Im hohen MA kommentiert Guillaume le Clerc in seinem „Bestiaire“ (ca. 1210) die Beliebtheit von A. als Haustieren bei Menschen von Rang; deshalb bleibt die Bedeutung des Tiers in Dürers Kupferstich der „Muttergottes mit der Meerkatze“ (ca. 1497/98) offen: dieses Tier hat nichts von Karikatur oder Deformität, sondern erscheint als feinsinnige Studie nach der Natur. Dagegen kehrt in einem an Stiche von Dürer u. Altdorfer angelehnten Tafelbild einer Madonna mit Meerkatze (Hist. Museum Thurgau, um 1520) der alte Bezug zu Sündenfall u. Erlösung zurück, versinnbildlicht durch den geduckten A. am Boden und den -> Stieglitz in der Hand des Jesuskinds.
Wertfrei als fremdländisches Kolorit begegnen Affen bei den Themen der vier Erdteile und des Zugs der Hl. Drei Könige nach Bethlehem. In Darstellungen der prächtigen Kavalkaden der Drei Könige, u.a. von Gentile da Fabriano (1423, Uffizien, Florenz), Sassetta (ca. 1435, New York, Metropolitan Museum) u. Benozzo Gozzoli (1459-61, Florenz, Palazzo Medici-Riccardi) werden die Affen wie auch die damals besonders geschätzten Geparde mit kostbaren Kissen bzw. Decken auf Reittieren mitgeführt.

Literatur: RDK I 202-206 — LCI I, 76-79 – H. W. Janson, Apes and Ape Lore in the Middle Ages and the Renaissance, 1952. — T. H. White, The Bestiary. A Book of Beasts, 1954. — E. R. Curtius, Europäische Literatur u. lat. Mittelalter, 3/1961; bes. Exkurs XIX: Der Affe als Metapher. — Der Physiologus. Übertr. u. erläutert von O. Seel, 1960. — F. Klingender, Animals in Art and Thought to the end of the Middle Ages, 1971. — R. Hammerstein, Diabolus in Musica, 1974; bes. 75-80: Musizierende Affen. — J. M. C. Toynbee, Tierwelt der Antike. Bestiarium romanum, 1983. – F. Unterkircher, Tiere, Glaube, Aberglaube, 1986. – Physiologus. Naturkunde in frühchristl. Deutung. Hrsg. U. Treu, 21987. – G. E. Sollbach, Das Tierbuch des Konrad von Megenberg, 1989. – Bestiaires du Moyen Age. Hg. von G. Bianciotto, 1992. – W. B. Clark, The medieval Book of Birds. Hugh of Fouilloy’s Aviarium, 1992. – G. Nitz, „Affe“, in: F. Trenner (Hg.), Christl. Tiersymbolik, München 2010, S. 56-60. — C. Heck / R. Cordonnier, Bestiarium. Das Tier in mittelalterl. Handschriften, 2020.

Autorin: Genoveva Nitz (Mai 2024)